Von Alta nach Norden
Einen Ruhetag genieße ich in Alta. Ich kaufe neue Schuhe, da meine alten, vertrauten Wanderschuhe im Leder auseinanderbrechen. Offensichtlich haben sie die viele Nässe nicht gut vertragen. Nun trage ich Halbwanderschuhe, angemessen für die letzten Etappen und für die Rückfahrt. Die alten, vertrauten Schuhe verstaue ich ganz unten im Rucksack. Wegwerfen möchte ich sie nicht, dazu haben sie mir in den letzten 2000 Kilometer zu gut gedient und mich sicher und ohne jegliche Blasen getragen.
Abends zeigt sich einmal kurz Nordlicht über der Stadt, aber bevor ich draußen bin, um einen vernünftiges Foto zu machen, ist es schon wieder verschwunden.
Von Alta bis Olderfjord werde ich der E6 folgen. Der ausgeschilderte Wanderweg geht weit östlich an Alta vorbei, und mich wild durchs Gelände zu schlagen - dazu fehlt mir im Moment die Lust. Also nehme ich den einfachsten Weg und laufe 120 Kilometer an der E6 entlang. Es wird schon nicht so viel Verkehr sein hier oben. Ungewohnt ist: Ab jetzt steht mein Ziel "Nordkapp" auf den Straßenschildern mit Kilometerangabe angeschrieben. Bin ich auf der Zielgeraden?
Anfangs ist die E6 noch stark befahren. Der Vorortverkehr von Alta sorgt dafür. Gott sei Dank habe ich auf den ersten Kilometer noch einen Bürgersteig oder Fußweg. Dann geht es hinauf ins Gebirge, die lange Querung des Sennalandet steht an und der Verkehr wird sehr viel weniger. Bevor ich die Waldgrenze überschreite, suche ich mir einen Zeltplatz für die Nacht. Ich finde ihn in einem kleinen Wäldchen an einem munter glucksenden Bach direkt in der Nähe der Straße. Ich schlafe gut, nur morgens wache ich erschreckt auf: Ich hatte geträumt, ich würde mitten auf der Landebahn eines Flugplatzes zelten und die Flugzeuge müssen um mich herumfahren. Ich brauche ein paar Minuten, bis ich richtig wach bin und mir klar wird: Es war nur ein LKW, der auf der Straße vorbeifuhr. Zeltplätze in Straßennähe haben eben auch ihre Nachteile.

Nach 2000 km täglichen Dienstes werden diese Schuhe ...

... durch diese getauscht.


Das Sennalandet ist eine weite baumlose Hochebene. Hier entlang zu laufen hat etwas meditatives, wenn die Straße fünf Kilometer geradeaus führt und ich schon eine Viertelstunde vorher den Gegenverkehr kommen sehe. Der Verkehr ist gut erträglich. Die Lastwagenfahrer und Schwertransporter fahren am freundlichsten, sie blinken rechtzeitig links und weichen großzügig aus, bei Gegenverkehr bremsen und halten sie sogar für mich. Profis eben. Die vielen Wohnmobilfahrer fahren unterschiedlich, und die Niederländer fahren so knapp wie sie zu Hause eben auch fahren, das kennt man ja.
Abgesehen davon, dass die Wetterprognose wieder einmal nicht stimmt, mache ich gute Kilometer. Abends zelte ich im Abstieg vom Sennalandet wieder in einem kleinen Wäldchen, das mich vor dem Wind schützt. Fünf Meter muss ich absteigen zu einem Fluss, aus dem ich Wasser schöpfen kann: Alles ist da, was ich brauche.
Nachts wache ich auf, als eine Maschine direkt neben meinem Zelt arbeitet. Ich habe Fantasien, wie ein Rentierzaun rund um mein Zelt aufgebaut wird, sehe aber im Dunkeln nichts. Morgens stelle ich fest, dass die Straßenarbeiter die Stangen für den Schneepflug eingesetzt haben, es wird zügig Winter. Zeltplätze direkt an der Straße haben eben ihre Überraschungen.
Mittags komme ich nach Skaidi. Ein typisch nordnorwegischer Ort: Eine Kreuzung, eine Tankstelle mit Restaurant, ein Laden für Brot, Milch, Lebensmittel, Werkzeug und Angelbedarf, ein paar Hütten in der Nähe und ein geschlossener Laden, der Schneemobile verkauft. Im Restaurant an der Tankstelle bekomme ich ein reichhaltiges Mittagessen, guten Mutes und erstaunlich frisch geht es weiter. Eigentlich wollte ich noch eine Nacht zelten, aber so gut wie es läuft sticht mich der Hafer und ich reserviere eine Campingplatzhütte in Olderfjord. Das sind nun noch 20 Kilometer zu laufen. Spätestens beim Dunkelwerden sollte ich ankommen. Hinter Skaidi ist die E6 nur noch wenig befahren. In den dreieinhalb Stunden nach Olderfjord kommen mir vielleicht 20 Autos entgegen.
Die letzten Kilometer fallen mir unendlich schwer, doch schließlich erreiche ich in der Dämmerung den Campingplatz. Wie versprochen liegt in der Hotelhalle ein Umschlag mit meinem Namen und dem Schlüssel für eine Hütte. Auch wenn die Hütte eher einfach ist: Nach 47 Kilometer freuen sich die Füße über das Sofa und der Kopf über eine warme Dusche.
Noch 129 Kilometer bis zum Kap. Erste Hochrechnungen kann ich wagen: Am 14. oder 15. sollte ich ankommen.







