
Am Nordkapp bin ich angekommen. Jetzt genieße ich die ruhigen Tage in Honningsvåg und beginne Gedanken und Gefühle zu sortieren. Es ist Zeit für ein erstes Fazit: Was hat meine Pilgerreise ausgemacht? Pilgern: Zum einen wollte ich jeden Tag mit einem Psalm beginnen. Zum anderen wollte ich, wie die alten Mönche, eine Reise in eine Wüste tun. Mit den Psalmen hatte ich bald meine Schwierigkeiten. Nein, ich habe hier keine Feinde, um deren Vernichtung ich bitten müsste. Nein, ich möchte nicht, dass alle Gottlosen verschwinden, wie in den Psalmen oft gebetet wird. Vielleicht sind sie ja zu etwas nützlich. Zum Beispiel als anregende Gesprächspartner mit anderer Meinung. Die Psalmen wurden mir fremd, und ich habe sie zunehmend morgens einfach weggelassen. Die Wüste, wie die Mönche sie nennen, war für mich das, was ich Reduktion nennen würde. Ich musste mit Wenigem auskommen. Ich habe nun vier Monate lang das gleiche Hemd und die gleiche Hose getragen. Noch einschneidender: Ich hatte oft keinen Internetempfang, und wenn, dann musste ich Strom sparen. Über viele Tage war ich offline, es gab keine Ablenkungen durch soziale Netzwerke oder durch das Surfen im Internet. Wüste: Meine Reise war hart. Sehr viel härter, als ich mir das in der Planung vorgestellt hatte. In der Planung am Schreibtisch sieht es einfach aus, 25 Kilometer am Tag zu laufen und abends das Zelt zu genießen. In der Wirklichkeit ist es hart, wenn zehn Tage lang die Schuhe nicht trocknen, wenn ein Sumpf nach dem anderen kommt und man morgens nasse Socken und Schuhe anzieht. Es ist hart, wenn im tagelangen Regen das Zelt morgens nass abgebaut und abends als feuchtkalte Höhle wieder aufgebaut wird, wenn die Feuchtigkeit Stück für Stück eben in alles hineinkriecht und alle Kleidung in unterschiedlichen Graden klitschnass, nass, feucht oder klamm ist. Es ist hart, wenn die Schultern nach drei Stunden weh tun und ich weiß, dass der Tag noch sechs bis sieben Stunden Wanderung für mich hat. Es ist hart, wenn die Füße weh tun - das wurde Gott sei Dank besser mit der Zeit. Ich habe mehr gefroren, als ich gedacht habe. Auf den offenen Bergstrecken hat der Wind oft richtig reingefasst. Ich hatte Hunger, oft haben sich die Gedanken nur ums Essen gedreht. Wie seltsam muss ich geschaut haben, als im Polarsirkelsenter die Bedienung mir einen Teller mit einem großen Hamburger und reichlich Pommes frites brachte und ich enttäuscht darauf sah: Soll das jetzt eine ganze Portion sein? Ich war oft einsam und wusste: Wenn ich jetzt den Weg hier in den Wald hinauf gehe, weiß niemand mehr, dass ich je dagewesen bin. Und dennoch, oder vielleicht deswegen: Es war wunderbar! Auf der langweiligen E6 über das Sennalandet wich mir ein entgegenkommender LKW großzügig aus, so wie die Profis es hier oben tun. Er blinkte frühzeitig links, wechselte ganz auf die linke Spur, um mich in großem Abstand zu passieren. Ich bedankte mich mit zum Gruß erhobener Hand und einem angedeuteten Nicken. Er erwiderte meinen Gruß mit einem kurzen Griff zum Horn und einem kurzen Aufblitzen seiner Polarnacht-Scheinwerferbatterie. Und ich freute mich wie ein kleiner Junge, dem zugewunken wird, fast, dass mir vor Freude die Tränen kamen. Es ist ein Glück, unterwegs zu sein. Ich bin im Hier und Jetzt angekommen. Drei Gedanken aus Gesprächen bleiben mir im Gedächtnis. In der großen, bedienten Hütte Bjørneggen saßen wir nach dem Abendessen noch zusammen. Wir sprachen über Meditation, Gebet, über Wege zum Glück und zum inneren Frieden. Wir sind uns einig: Es ist wichtig, sich Zeit zu nehmen, um die eigenen Gefühle zu spüren, um sich selbst wahrzunehmen. Wie schnell betäuben wir uns mit dem abendlichen Glas Bier oder Wein, mit dem Wischen durch die Videos im Internet, mit Konsum. Ich bin froh, dass ich durch die Reduktion der Dinge und Eindrücke in der Natur auf meiner Reise so sehr viel Zeit hatte. In die Alvdalshytta war ich hineingestolpert mit der falschen Information, es sei eine öffentliche Hütte. Dass ich mich selber eingeladen habe, ist mir im Nachhinein immer noch peinlich. Dennoch bekam ich ohne Rückfrage einen Kaffee, wurde eingeladen mich am Tisch aufzuwärmen und ich kam ins Gespräch mit Vater und Sohn, die die Hütte gemietet hatten. Wir sprachen darüber, wie schön ein Feuer im Ofen ist nach einem langen Regentag im Fjell, wie gut ein Abendessen nach einer langen Wanderung tut, wie genussvoll ein trockenes Zelt sein kann. Der Vater meinte: Es braucht die Härte der Berge, das Frieren und den Hunger, um genießen zu können. Ohne die Härte bliebe der Komfort einfacher Konsum, wir würden ihn nie mit diesem Glück empfinden. Die Sonne brannte auf den Asphalt, als ich von Vinstra im Gudbrandsdalen ins Rondane aufstieg. Ärgerlich war, dass schlechtes Wetter angesagt war: Wenn ich oben in der schönen Landschaft sein würde, würde es regnen und kalt sein, möglicherweise alles in Wolken verschwinden. Meine Laune hielt sich in Grenzen. Ein kleiner Suzuki-Geländewagen hielt auf meiner Höhe mitten auf der Straße, der Fahrer sprang heraus, machte die Hecktür weit auf und sagte, erst Norwegisch und dann Deutsch: "Das musst du dir anhören!" Und mit voller Lautstärke spielte er mir alpenländische Volksmusik vor. Anschließend kamen wir ins Gespräch und er, der vor langen Jahren aus Österreich nach Norwegen ausgewandert war, erzählte, dass er auf dem Weg zu seiner Hütte sei. Er werde fischen gehen. Als ich ihn im Gespräch auf seine Fröhlichkeit ansprach, verriet er mir sein Lebensmotto: "Lebe jeden Tag! Sterben tust du nur einmal." Einen Psalm habe ich morgens nur manchmal gelesen. An seine Stelle trat etwas Anderes. Seit langer Zeit gehört es zu meinen Gewohnheiten, beim Wandern morgens kurz innezuhalten. Wenn alles gepackt ist, wenn das Zelt wieder im Rucksack ist und der Zeltplatz wieder frei, wenn ich den Rucksack aufgesetzt habe, verweile ich kurz. Ich schaue mich um, ob ich nichts vergessen habe. Ich prüfe, ob alle Wertsachen am richtigen Ort sind, und ich gehe die geplante Route des Tages im Kopf durch: Wo könnten Schwierigkeiten liegen? Wie muss ich meine Kräfte einteilen? Wann wird es dunkel, worauf muss ich in der Zeitplanung achten? Seit einigen Wochen kommt zu dieser Morgenroutine nun ein Gebet: Ich danke Gott für den Tag, der beginnt. Ich bitte nicht für den Tag, sondern danke, quasi im Voraus. Danke, dass ich diesen Tag geschenkt bekomme! Ich danke für Sonne oder Wind, für Energie oder Kälte, und für die Menschen, denen ich an diesem Tag begegnen werde. Und dann laufe ich los. Inzwischen bin ich wieder in Alta und hatte endlich Zeit, mich in Ruhe in die Nordlicht-Kathedrale zu setzen. Ich hatte in meiner Pilgerreise das Gefühl, angekommen zu sein.

Ich mache mich auf zur letzten Etappe meiner Wanderung. Dass sie mich noch einmal in wunderbare Momente und in die tiefsten Tiefen führen wird, ahne ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Zuerst steht eine Entscheidung an: Laufe ich auf der Straße oder folge ich dem Wanderweg? Ohne genaue Informationen beschließe ich, dem Wanderweg zu folgen. Straße hatte ich seit Alta schon genug. Nach der sehr langen Etappe gestern brauche ich morgens lange, bis ich fit bin. Ich frühstücke in Ruhe, gehe im kleinen Laden einkaufen und habe Glück, noch die letzte Packung Polarbrød und die letzte Packung Gudbrandsdalsost zu bekommen. Knäckebrot und Kaviar hatte ich schon genug auf dieser Reise, zurzeit brauche ich etwas Abwechslung. Gegen 12:00 Uhr komme ich los. Einige Kilometer folge ich der Straße, dann biegt der Wanderweg ab. Meistens ist er gut und liebevoll markiert, an manchen Stellen bin ich allerdings etwas unsicher, wo es weitergeht. Aber mit Hilfe der Karte ist es einfach zu finden. Anfangs geht es durch den gewohnten Birkenwald hinauf, doch schnell erreiche ich die Hochebene mit ihren weiten Blicken, die ich so liebe. Auf einer Fahrspur komme ich gut voran. Die Sonne scheint, die Aussicht von hier oben ist grandios, auf Berge und auf den Porsangerfjord auf der anderen Seite. Über weite Strecken folge ich den Rentierzäunen. Immer wieder muss ich sie überklettern, Tore für den Wanderweg gibt es hier oben nicht. In den Tagen dieser Etappe bin ich bestimmt über 30 Zäune geklettert. Ein Quadfahrer, der mir entgegenkommt, hält an. Wir unterhalten uns eine Weile in einer Mischung aus Norwegisch und Englisch. In der Ferne höre ich öfter Schüsse. Die Jagdsaison auf die Fjellhühner, die Rype, ist eröffnet. An einem kleinen See finde ich einen schönen Zeltplatz. Ich schlafe früh ein. Die Sonne geht ja schon gegen 19:30 Uhr unter, ich bin hier weit im Osten der Zeitzone. Auch der nächste Tag hat noch einmal richtig schönes Wetter, erst ab morgen Nacht ist Wind und dann zunehmender Sturm angesagt. Lange folge ich einem hohen Bergrücken mit wunderbaren Aussichten nach Osten und Westen. In einer kurzen Pause genieße ich den Ausblick nach Norden und sehe am Horizont einen eindrücklichen Berg. Der Kompass bestätigt meine Vermutung: An dieser Stelle ist zum ersten Mal das Nordkapp sichtbar. Ein bewegender und seltsamer Moment – nach Monaten der Wanderung ist nun das Ziel das erste Mal in Sicht. Abends suche ich mir einen geschützten Zeltplatz an einem kleinen Fluss. Möglicherweise frischt der Wind heute Nacht schon auf, da sollte ich nicht oben auf der offenen Hochebene zelten. Gegen 22:00 Uhr – ich war schon lange eingedöst – werde ich noch einmal wach und beschließe, kurz draußen nach dem Rechten zu sehen und die Abspannung des Zeltes zu kontrollieren. Ich öffne das Zelt und staune: Über mir ein Schauspiel von Nordlicht! Lange stehe ich draußen neben dem Zelt, schaue und staune. Mit immer neuen Strukturen leuchtet das Nordlicht über den Himmel. Mal wie ein Pfeil, mal wie ein Kreis, der den halben Himmel einschließt. Ich kann mich kaum satt sehen, aber nach einer Dreiviertelstunde ist es vorbei und es bleibt nur der Sternenhimmel mit der Milchstraße. Ich brauche lange, bis ich nach diesen Bildern einschlafen kann.

Einen Ruhetag genieße ich in Alta. Ich kaufe neue Schuhe, da meine alten, vertrauten Wanderschuhe im Leder auseinanderbrechen. Offensichtlich haben sie die viele Nässe nicht gut vertragen. Nun trage ich Halbwanderschuhe, angemessen für die letzten Etappen und für die Rückfahrt. Die alten, vertrauten Schuhe verstaue ich ganz unten im Rucksack. Wegwerfen möchte ich sie nicht, dazu haben sie mir in den letzten 2000 Kilometer zu gut gedient und mich sicher und ohne jegliche Blasen getragen. Abends zeigt sich einmal kurz Nordlicht über der Stadt, aber bevor ich draußen bin, um einen vernünftiges Foto zu machen, ist es schon wieder verschwunden. Von Alta bis Olderfjord werde ich der E6 folgen. Der ausgeschilderte Wanderweg geht weit östlich an Alta vorbei, und mich wild durchs Gelände zu schlagen - dazu fehlt mir im Moment die Lust. Also nehme ich den einfachsten Weg und laufe 120 Kilometer an der E6 entlang. Es wird schon nicht so viel Verkehr sein hier oben. Ungewohnt ist: Ab jetzt steht mein Ziel "Nordkapp" auf den Straßenschildern mit Kilometerangabe angeschrieben. Bin ich auf der Zielgeraden? Anfangs ist die E6 noch stark befahren. Der Vorortverkehr von Alta sorgt dafür. Gott sei Dank habe ich auf den ersten Kilometer noch einen Bürgersteig oder Fußweg. Dann geht es hinauf ins Gebirge, die lange Querung des Sennalandet steht an und der Verkehr wird sehr viel weniger. Bevor ich die Waldgrenze überschreite, suche ich mir einen Zeltplatz für die Nacht. Ich finde ihn in einem kleinen Wäldchen an einem munter glucksenden Bach direkt in der Nähe der Straße. Ich schlafe gut, nur morgens wache ich erschreckt auf: Ich hatte geträumt, ich würde mitten auf der Landebahn eines Flugplatzes zelten und die Flugzeuge müssen um mich herumfahren. Ich brauche ein paar Minuten, bis ich richtig wach bin und mir klar wird: Es war nur ein LKW, der auf der Straße vorbeifuhr. Zeltplätze in Straßennähe haben eben auch ihre Nachteile.

Aus einem Ruhetag in Kautokeino werden zwei: Mein Magen reagiert auf irgendetwas. Obwohl ich großen Hunger habe, kann ich doch kaum etwas essen. Möglicherweise war irgendein Seewasser, was ich geschöpft habe, nicht in Ordnung. Wahrscheinlich hätte ich bei stehenden Gewässern konsequent entkeimen müssen, die Tabletten Mikropur habe ich ja dabei. Doch nun ist es wie es ist, und ich sitze hier erst einmal fest. Immerhin habe ich eine beheizbare Hütte. Es ist, wenn auch nicht gemütlich, so doch trocken und warm. Am zweiten Ruhetag komme ich in eine wirkliche Krise. Ich habe keine Lust mehr auf die Finnmarksvidda im Regen, ich bin wütend auf die norwegische Wettervorhersage, die trockenes Wetter ankündigt, und dann gibt es starken Regen. Ich merke, wie ich in Versuchung komme: Vor der Rezeption des Campingplatzes fährt dreimal am Tag der große gelbe Bus nach Alta, der Rückflug ist flexibel umbuchbar, in zwei Tagen könnte ich bei den Lieben in Bremerhaven und zuhause am Frühstückstisch sein. Eine solche Krise hatte ich seit Fagernes nicht mehr, als mein Fuß Probleme machte ( hier mein Artikel von damals). Es muss jetzt etwas passieren, sonst gerät mein ganzes Projekt in Gefahr. Ich beschließe: Egal wie es mir geht, ich laufe los. Ich habe ja das Zelt dabei, und die meiste Zeit ist der Wanderweg nicht weit weg von der Straße. Vermutlich habe ich sogar Mobilfunk. Der Weg wird nicht sehr anstrengend werden und hat keine großen Steigungen: Zuerst muss ich ca. 20 km der E45 folgen, dann kann ich auf die alte Straße abzweigen. In den 30er Jahren wurde eine im Sommer fahrbare Straße von Alta nach Kautokeino gebaut, sie geht bis heute als kleine Schotterstraße schnurgerade durch die Finnmarksvidda. Bis auf eine Brücke sind alle Brücken noch intakt. So habe ich Aussicht, dass sogar die Schuhe ein paar Tage lang trocken bleiben. Also: Los! Mittags um 13:00 Uhr komme ich endlich los, Aufräumen und Packen dauert unendlich lange. Ich merke bald: Das Laufen tut mir gut. Es bringt meinen Körper und meine Seele wieder ins Gleichgewicht, der Rhythmus der Schritte, die Langsamkeit, in der die Landschaft vorbeizieht, der Fluss des Atmens. Ich bin froh, wieder unterwegs zu sein. Erstaunlicherweise schaffe ich noch fünfundzwanzig Kilometer, bevor mich die Dunkelheit zwingt das Zelt aufzubauen. Inzwischen wird es hier um 19:30 Uhr dunkel. Ich erwische einen schönen Zeltplatz. An das Wasser im Bach kommt man relativ schlecht heran, damit kann ich gut leben. Für größere Waschaktionen draußen ist es sowieso zu kalt. Meinem Zeltplatz direkt gegenüber steht ein großes verwittertes Holzkreuz, der Querbalken zeigt nach Norden. Mit diesen Kreuzen im Abstand von 100 m ist vor ca. 250 Jahren ein Winterweg über die Finnmarksvidda markiert worden, um eine erste Postroute einzurichten, damals mit Rentierschlitten. Mir wird heute Abend die Wegmarkierung, das Kreuz, zu einem Zeichen: Es wird weitergehen nach Norden, und es wird gut weitergehen. Am nächsten Morgen geht es so weiter, immer geradeaus durch die herbstliche Vidda. Die Wettervorhersage stimmt immer noch nicht, es ist keinesfalls trocken, sondern jede Stunde gibt es einen ordentlichen Schauer, dazwischen genug Nieselregen. Der sonst so zuverlässige norwegische Wetterdienst liegt seit einer Woche zuverlässig daneben. Mir kommen einige Schlittenhundegespanne entgegen. Einer der Musher hält an, und wir unterhalten uns ein paar Minuten. Ich merke bald, dass ich mit einem der berühmtesten Hundeschlittenführer Norwegens spreche, er hat schon 27 mal am Finnmarksløpet teilgenommen. Der Finnmarksløpet von Alta aus ist das längste und wichtigste Hundeschlittenrennen Europas, von der Schwierigkeit her vergleichbar mit dem berühmten Iditarod in Alaska. Er erzählt, wie jetzt im Herbst die Hunde langsam trainiert werden, um sich an die Distanzen zu gewöhnen. Mit 20 km am Tag geht es los. Dann werden die Hunde unruhig und wollen weiter. Ich komme mittags an der Fjellstube Souvoluopmi vorbei und genieße es, einkehren zu können. Sie ist unheimlich gemütlich eingerichtet, der Service ist großartig. Ich genieße ein Sandwich mit geräucherter Rentierzunge und anschließend Kaffee und Waffel. Sogar die Sonne lässt sich blicken, da sieht das Leben doch gleich viel besser aus. So vergeht der Tag zwischen den herbstlichen niedrigen Birken. An einer Flussüberquerung baue ich abends das Zelt auf, auf der anderen Flussseite hinter dem Hügel nächtigt ein Hundeschlittengespann mit zwei Musherinnen. Abends bei der Fütterung gibt es noch einmal richtig Radau, dann sind die Hunde die Nacht über ruhig. Am Sonntag erreiche ich dann nach 36 km wie geplant Alta. Das Wetter zeigt sich von seiner besten Seite, ich spaziere durch das neue Zentrum und beziehe mein Hotelzimmer. Morgen habe ich hier einen Ruhetag.

Aus dem Reisadalen heraus geht es nun auf die Finnmarksvidda. Heute und morgen bin ich nicht allein: Erik, ein junger Norweger, der ebenfalls Norge på langs läuft, begleitet mich. In der Sauna haben wir festgestellt, dass wir beide das gleiche Projekt haben. Ich freue mich, einen Gesprächspartner zu haben, und erfahre viel über sein Land. Von ihm erfahre ich, dass König Harald verstorben ist. Er erzählt von der Rolle der Monarchie in Norwegen, ich höre von der großen Wertschätzung die König und Kronprinz in Norwegen haben. König Harald hat sich sehr für die Rechte von Minderheiten eingesetzt und war wirklich ein "Vater der Nation". Es ist für mich spannend zu hören, wie die Monarchie als einigendes Symbol des Landes gut funktioniert, wie König und Kronprinz volksnah bei den Menschen sind. Unterdessen führt uns der Weg zu einem dramatischen Wasserfall: Am Imofossen kommen zwei Flüsse in einer dramatischen Schlucht zusammen. Es gibt kaum eine Fotoperspektive, die die Dramatik des Ortes einfangen könnte. Dann geht es aufwärts: Nach und nach lassen wir den Wald hinter uns und kommen auf die Hochebene der Finnmarksvidda. Endlos Birken mit inzwischen gelben Blättern, viel Sumpf und hin und wieder eine knietiefe erfrischende Flussquerung. Das Wetter bleibt bedeckt bis regnerisch.

Ich weiß noch nicht, was ich vom nächsten Tag halten soll: Ich werde ins Reisadal absteigen und dort direkt am Fluss dem Weg zur Nedrefosshytta folgen. Das Tal gilt als eines der schönsten Norwegens, tief eingeschnitten mit dramatischen Wasserfällen. Ich fürchte Steine und Sumpflöcher, kurze harte Steigungen mit vielen verlorenen Höhenmetern und viel Gestrüpp. Mit etwa 35 Kilometer wird es ein langer Tag werden. Aber ich wollte noch oben oberhalb der Baumgrenze zelten; im Wald sind Zeltplätze manchmal schwierig zu finden. Außerdem bin ich lieber oben. Der Wecker der Armbanduhr klingelt früh um 5:00 Uhr. Da sich Handy und Uhr nachts entgegen meinen Einstellungen wieder auf finnische Zeit geeinigt hatten, noch eine Stunde früher. Mir soll es recht sein, die Sonne geht gerade auf und so habe ich Zeit für eine lange Etappe. Der Tag beginnt mit wunderbarer Lichtstimmung, ich erlebe den Sonnenaufgang über den Wolken. In den Nebel steige ich ab, die Stimmungen sind großartig! Zu Beginn bin ich mit dem Tag erst einmal versöhnt.

Finnische Berge - ich weiß: Das sind zwei Worte, die nicht zusammengehören. Finnland ist ja flach wie ein gefüllter Pfannkuchen (und genauso überraschend). Aber hier in der äußersten, nordwestlichen Ecke gibt es tatsächlich Berge. In den ersten Tagen gehe ich den Weg, der zum Halti führt, dem mit gut 1.000m höchsten Berg Finnlands. Es ist eine populäre Wanderung, ich treffe viele andere Wandernde und die Berghütten sind gut besucht. Leider reicht mein Finnisch nicht einmal für einen Gruß, so bleibe ich beim norwegischen "Hei". Der Weg ist steinig, man muss schon sorgfältig gehen, aber das Wetter ist ein Geschenk. Die Sonne scheint über einer wunderbaren Berglandschaft: Es ist eine Etappe zum Genießen! Nach zwei Wandertagen zweigt mein Weg von der Halti-Wanderung ab. Ich besteige den Berg nicht, sondern gehe östlich unten daran vorbei. Es wird einsam, an manchen Stellen ist der Weg schwer zu finden. Die finnischen Markierungen bestehen aus einem ca. 40 cm hohen Vierkantholz, das oben gelb bemalt ist. Wer kam auf diese Idee? Vielleicht ist es ja das Richtige in finnischen Wäldern - hier hätte man die Markierungen nicht besser verstecken können. Die Steine sind so grau wie das Holz, das verwitterte Gelb ist von Blättern und Flechten kaum zu unterscheiden. Ich laufe nach GPS und Karte. Ein letztes Mal quere ich eine Grenze und wandere nach Norwegen hinein. Von nun an bis zum Nordkap bleibe ich in Norwegen. Die Ausblicke sind weit, die Sonne scheint, ich bin ein letztes Mal oben in den Bergen: Es sind drei Tage zum Genießen!

Ich reise allein, dann komme ich auch einmal zu Wort. "Ha!" werden da alle daheimgebliebenen sagen: "Gut, dass er überhaupt reist, dann kommen wir endlich zu Wort! Keine Unterbrechungen, keine langen Monologe mehr..." Auch wenn es manchmal einsam ist: Ich wollte allein reisen. Ich trage sonst für vieles und viele Verantwortung, und ich trage sie gerne. Aber einmal möchte ich nur Verantwortung für mich selbst tragen. Zur Reduktion meiner Pilgerreise gehört auch, dass ich mich einmal nur um mich sorge. In der Einsamkeit komme ich zu Wort. Tagsüber ist kaum Zeit zum Nachdenken. Ich muss ja jeden Schritt gezielt setzen und mich auf den Weg konzentrieren, sonst stolpere ich oder rutsche aus. Abends im Zelt und in den Pausen ist Zeit. Dann kommen die Gedanken und Gefühle, die unerledigten Dinge in meiner Seele dürfen an die Oberfläche und können durchdacht werden. Das ist spannend und tut gut. In den Schritten des nächsten Tages klärt sich manches. Und wenn ein Gedanke oder ein Gefühl eine längere Zeit braucht, bevor ich es zu fassen bekomme: Gott sei dank bin ich länger unterwegs. In den Entspannungsphasen des Alltags lenke ich mich oft ab: Ich folge der Politik und bilde mir eine Meinung, ich surfe im Internet, ich lese ein Buch oder koche und backe in der Küche. Alles nicht schlecht, aber auf meiner Reise gibt es das nicht. Bücher wären viel zu schwer. Internetempfang habe ich nicht oft. Und wenn, dann kann ich es oft nicht nutzen weil ich Strom sparen muss. Am Stein, auf dem ich sitze, gibt es keine Steckdose, um das Telefon wieder aufzuladen. Auf dem Telefon ist die Landkarte, wenn der Akku leer ist, bin ich blind. Das darf nicht passieren. So gibt es eben kein Internet, das Handy darf nur zur Navigation genutzt werden. Vielleicht ist das die wichtigste Reduktion, eine Suchtentwöhnung. Die Mönche haben schon immer diese Reduktion als ihre "Wüste" bezeichnet. Sie tut gut. Die Weite der Gedanken ist fantastisch.

Zwei volle Ruhetage leiste ich mir in Kilpisjärvi. Wie gut tut eine lange, heiße Dusche und einmal wieder ein richtiges Bett mit weißer Bettwäsche. Außerdem Internetempfang und Steckdosen zum Aufladen des Telefons - ich genieße die Annehmlichkeiten der Zivilisation in Santa's Hotel Rakka. Das Hotelzimmer hat einen tollen Ausblick in die arktische Natur. Und im Supermarkt gibt es finnische Spezialitäten: Dunkles Roggenbrot und in Holzteer-Marinade eingelegten Hering. Äußerst lecker! Anschließend noch eine Schokolade von Fazer - Ruhetage haben etwas genussvolles. Am dritten Tag geht es wieder auf den Trail: Der Rucksack ist neu beladen mit Verpflegung und Gas für acht Tage und entsprechend schwer. 190 Kilometer sind es bis zum nächsten Laden und zum nächsten Handynetz in Kautokeino. Doch es wird die letzte lange Etappe sein: Weiter im Norden gibt es öfter Einkaufsmöglichkeiten, da ich näher an der Straße sein werde.

Abisko ist der trockenste Ort Schwedens. Als ich loslaufe, regnet es. Der Rucksack ist viel zu schwer, ich trage Verpflegung für 7 Tage und habe wahrscheinlich zu viel eingekauft. Das Loslaufen fällt mir schwer. Zudem endet der relativ einfache Weg am See entlang nach einigen Kilometern, dann wird es steinig und schlammig. Zu allem Überfluss geht es immer wieder 50 m steil bergauf, um dann wieder 50 m steil bergab zu gehen. Ich fluche innerlich, aber es hilft nichts. Am liebsten würde ich hier und jetzt das Zelt aufbauen und Feierabend machen, aber in diesem Gelände gibt es keine Zeltplätze. So erreiche ich schließlich doch noch die Lappjordhytta. Unerwartet überrascht mich dort ein kleines Paradies: Die Hütte hat eine wunderbare Aussicht über den See. und ich treffe dort ein sehr nettes Paar aus Tromsø. Es wird ein unterhaltsamer und interessanter Abend, ich höre von verschiedenen Akten des Trockenfisches und wir unterhalten uns über Wanderungen, die wir schon gelaufen sind. Es sind diese Abende, die das Hüttenleben so schön und bereichernd machen! Auf dieser Etappe werde ich relativ oft in Hütten übernachten. Zum einen ist es schon ein großer Genuss, wenn abends ein Ofen angefeuert wird und die Socken etwas trocknen, gerade bei diesem Regenwetter. Zum anderen ist dies die letzte Etappe, wo die Hütten wie an einer Schnur aufgereiht liegen, weiter oben im Norden gibt es nur noch sehr wenige. Und schließlich hoffe ich abends Gesprächspartner zu haben, die Wanderung durch die Finnmark wird dann schon noch einsam genug. Die nächsten Tage sind etwas einfacher, denn nun bin ich oben in den Bergen endlich wieder oberhalb der Waldgrenze. Ich liebe die Weite, die Ausblicke und das Endlose der Landschaft. Das Wetter bessert sich etwas, wenn es regnet, dann regnet es leicht und nicht durchgehend. Regenjacke und Regenhose halten mich zwar nicht ganz trocken, aber gut warm. Das ist viel wichtiger. Auf den nächsten Etappen teile ich abends die Hütten mit zwei netten Schwedinnen, die die gleiche Route laufen. Sie laufen das "Gröna Band", eine Langstrecke durch Schweden die am Dreiländereck endet - sie sind schon voller Freude und voller Stolz eine Wanderung von über 1300km demnächst geschafft zu haben. Es sind schöne gemeinsame Abende! In der Dærtahytta treffe ich auf einen jungen Norweger, der eine Woche lang allein ohne Wege durch die Berglandschaft gewandert ist und nun die letzte Nacht seiner Tour in einer Hütte genießt. Er kennt die Gegend wie seine Westentasche, er wohnt nicht weit von hier und ist so oft wie möglich im Fjell unterwegs. Ich lerne viel über das Angeln mit von ihm selbst gewickelten Fliegenimitaten. Am nächsten Tag ergibt es sich, dass wir zusammen wandern, er hat den gleichen Weg wie ich zur Rostahytta. Wenn auch ungewohnt, ist es schön, einmal eine Etappe nicht alleine zu wandern; seit den Tagen mit meiner Frau hatte ich das nicht mehr. Gemeinsam bewundern wir die mystische Berglandschaft im dichten Nebel. Selbst bei den kleinen Seen sieht man das jenseitige Ufer nicht: Im Nebel träumen sie ein Ozean zu sein. Die nächsten Tage sind Bummeltage bei zunehmend schönem Wetter. Erst ab Sonntag habe ich das Quartier in Kilpisjärvi gebucht. Ungewohnt ist es: Seit Trondheim habe ich jeden Tag so viele Kilometer wie möglich zurückgelegt, war von morgens früh bis abends auf dem Weg. Jetzt kann ich das erste Mal Druck herausnehmen, zeitlich sollte es passen. Schließlich erreiche ich Kilpisjärvi in Finnland. Am Weg in den langgestreckten Ort liegt ein Café, an dem ich nicht vorbeikomme. Und hier gibt es die besten süßen Teilchen der ganzen Tour!

Von Ritsem aus wandere ich weiter durch Nordschweden. Zwei Tage lang habe ich einen recht einsamen Weg. Am ersten Tag laufe ich über einen ausgebauten Bohlenweg, noch bin ich im Gebiet der Sami. Der nächste Tag führt mich durch ein wunderschönes Tal. Als ich über einen kleinen Kamm komme, tut sich vor mir plötzlich das Panorama des Kebnekaise auf. Die Westflanke des höchsten Berges Schwedens bricht wild mit Gletschern in ein kleines Tal ab, das sich vor mir auftut. Solche Ausblicke, noch dazu im Sonnenschein, machen all die Anstrengungen der Wanderung vergessen. Anstrengend bleibt es. Der Weg ist schlecht markiert, oft muss ich die Pfadspur suchen. An einer Stelle laufe ich den Hang dreimal auf und ab, bis ich schließlich aufgebe und mir meinen eigenen Weg suche. Gut, dass ganz unten die Markierungen deutlicher werden, so muss ich die Brücke über den Fluss nicht suchen, sondern werde dorthin geleitet.

Als Wanderer bin ich mit ca 4 km/h unterwegs, bestenfalls, auf guter Straße, mit 6 km/h. Manchmal träume ich davon, schneller zu sein - und heute nutze ich die Chance. Vor mir liegt der Akkajaure. Ihn zu umwandern ist schwierig, da die Brücke über den Zufluss seit zwei Jahren fehlt und die Furt gefährlich tief ist. Über den See gibt es ein Boot, aber ich nutze die Chance, um einmal richtig schnell zu sein: Über meinen Satellitenmessenger bestelle ich einen Hubschrauber, der mich über den See bringt. Direkt am Wanderweg gibt es nämlich einen "Flugplatz", der aus einer halbwegs ebenen Fläche im Gebirge und einer Beachflag besteht. Pünktlich werde ich abgeholt, ich bin der einzige Passagier und darf den Sitz des Copiloten vorn unter der Kanzel nutzen. Die Ausblicke sind großartig! In zehn Minuten fliegen wir über den See und landen in Ritsem, wo ich mich in der Jugendherberge einquartiere.

Nach zwei Ruhetagen in Bodø fahre ich mit dem Bus nach Sulitjelma und steige dort wieder in den Weg ein, der aufwärts geht. Die alte Bergbaustadt Sulitjelma liegt tief eingeschnitten auf 150 Metern Höhe und ich muss nun das Gebirge auf circa 1000 Meter Höhe gewinnen. Zwischendurch gibt es Gott sei Dank die DNT-Hütte Ny-Sulitjelma, in der ich mich für die Nacht einquartieren kann. Wie oft ist es ein Genuss, abends Gesprächspartner zu haben, gemeinsam über das Wetter zu schimpfen und die Schönheit der Berge zu teilen. Am nächsten Tag geht es dann ins Gebirge. Es ist eine der wirklich alpinen Etappen, ich muss auf meine Schritte achten und einige, zum Teil recht steile Schneefelder queren. Aber nichts, was einem Alpenwanderer Schrecken macht. Über Schotter und Steine geht es dann etwas abwärts und ich erreiche das Padjelanta, auf Samisch bedeutet es "hohes Land". Es ist ein Kerngebiet der Samen, die hier im Sommer ihre Rentiere weiden lassen. Ein hohes und weites Land oberhalb der Baumgrenze, mit weiten Blicken, großen Seen und mächtigen Flüssen. Straßen gibt es hier keine. Der Verkehr findet mit dem Boot statt oder mit dem Quad. Für die hier üblichen sechsrädrigen Quads gibt es oft extra Bohlenwege, das sind die Straßen dieses weiten Landes. Ich genieße die Ausblicke. Der Wanderweg ist gut ausgebaut, oft gibt es Bohlen über sumpfige Stellen und die großen Flüsse sind mit Hängebrücken überbrückt. Das ist gut, denn es sind wirklich Flüsse, die hätte ich sonst nicht queren können. Die Brücken in Schweden bestehen aus einzelnen, etwa ein Meter langen Elementen, die gegeneinander beweglich verschraubt sind. Sie schwanken lustig beim hinübergehen. Immer wieder kommt man an den Dörfern der Sami vorbei. Der Weg führt allerdings sorgfältig darum herum. Zu viele Touristen würden vermutlich stören. Ich bin froh, dass ich diesen Weg über Schweden gewählt habe, genieße die beiden Zeltnächte und komme gut voran.

Kalorien lassen sich durch nichts ersetzen. Außer durch noch mehr Kalorien. (Carroll Shelby, frei zitiert) Auf der letzten Etappe hatte ich tatsächlich Strecken, wo mir der Treibstoff ausging. Ich wurde müde, die Beine wollten sich nicht mehr richtig heben lassen, die Reserven waren weg. Eigentlich kenne ich das nicht von mir, aber nach mehr als zwei Monaten scheint das angesetzte Übergewicht aufgebraucht zu sein. Da half nur eine Essenspause - immer mit dem schlechten Gefühl dabei, dass die Vorräte im Rucksack ja noch eine Weile reichen müssen. Es tut gut, einmal wirklich Hunger zu verspüren. Ein menschliches Urgefühl. In meiner Alltagswelt gibt es ja immer mehr als reichlich zu Essen, da kommt das nicht vor. Meine Sportuhr meint, ich bräuchte pro Tag 3.500 bis 4.000 Kalorien. So viel kann ich auf den langen Etappen nicht schleppen, es bleibt ein Defizit. Das schöne daran: Man kann so viel Schokolade essen, wie man will. Und an der Eistruhe in der Fjellstube Umbukta oder im Polarsirkelsenter bin ich auch zweimal nicht vorbeigegangen. Daim-Eis ist einfach lecker, und enthält Kalorien. Zum Frühstück gibt es Hafergrütze. Deshalb wandert in Bodø ein gutes Kilo Haferflocken in den Rucksack, dazu Zimtzucker und ein Stück Butter, für das was die Norweger Smørøyer nennen. Mittags gibt es Brot und Müsliriegel für die Regentage, wenn ich mich nicht für eine Pause hinsetzen kann. Abends gibt es dann Fertiggerichte, warm und sättigend. Schokolade, Kakao und Kekse sind zusätzlich in Griffweite oben im Rucksack verpackt. Der Rucksack ist nach der Proviantierung in Bodø nun wieder richtig schwer.

Ich genieße zwei freie Tage in Bodø. Ich erwische einen der in diesem Sommer ganz seltenen sonnigen Tage: Am Himmel ist keine Wolke zu sehen. Ausschlafen, Sattessen und Spazierengehen steht auf dem Programm. Die Wäsche muss gewaschen werden, und beim DNT erstehe ich einen neuen Hüttenschlafsack. Die Verkäuferin berichtet, ihr Sohn habe sich über das Wetter beschwert: Die Hitze möge er nicht. Wir haben so 16-17 Grad. Bodø ist neben Tromsø die zweite richtige Stadt in Nordnorwegen. Ich kann mich endlich wieder einmal in ein Café setzen. Mein Hotelzimmer blickt direkt auf den Anleger der Schnellboote, die hier wie Überlandbusse fahren. Ich genieße den Blick auf das Meer, die Felseninseln und die Boote. Von diesem so typischen Teil Norwegens bekomme ich bei meiner Wanderung sonst ja wenig mit. Jetzt geht es mit dem Bus wieder nach Sulitjelma zurück die nächste Etappe wird mich nach Schweden führen.

Nordland sei die schönste Provinz Norwegens, sagen manche. Ich kann es gut nachvollziehen. Die Berge sind wilder und höher, die Gegend mindestens so einsam wie die vorige Etappe. Ich muss mich für zehn Tage verpflegen, um sicher nach Lønsdal zu kommen. Von dort könnte ich mit dem Zug zum Einkaufen fahren. Doch besser wäre es, wenn ich bis Sulitjelma komme, dort ist ein Laden und eine gute Busanbindung nach Fauske oder Bodø. Knapp kalkuliert brauche ich 1kg Lebensmittel pro Tag. Mit geschätzt 20kg ist der Rucksack beim Abmarsch in Hattfjelldal ziemlich schwer, ich wiege ihn lieber nicht. Mein Weiterweg beginnt auf der Landstraße. Langweilig, aber ich komme gut voran und der Verkehr ist nicht sehr dicht. Das Wetter ist sehr wechselhaft, statt der versprochenen Sonne halten sich die Regenschauer bis in den Abend hinein. Als ich dann nach 35km abends um neun an einer Hütte für Wanderer vorbeikomme beschließe ich: Das Zelt bleibt im Rucksack. Es ist eine Hütte der Forstverwaltung (Statskog); diese Hütten sind einfach, aber unverschlossen und umsonst. Brennholz zum Heizen und Gas zum Kochen sind immer vorhanden. Überhaupt werde ich auf dieser Etappe zum Hüttenwanderer: Die norwegischen Hütten sind sehr gemütlich, und ein Ofen sowie ein Sofa sind abends nicht zu verachten. Hier oben in Nordland sind die Hütten auch weiter auseinander, sodass sich für mich sinnvolle Tagesetappen ergeben. Ich sollte ja mindestens 25km pro Tag schaffen. Schön ist es auch, auf den Hütten mit anderen ins Gespräch zu kommen. Gleich in der ersten Hütte treffe ich eine Wanderin aus Deutschland wieder, die ich in Røyrvik kennengelernt habe. Schön, dass wir unser Gespräch über die Wanderwege fortsetzen können. In der nächsten Hütte werde ich, ich habe noch nicht einmal im Eingangsbereich die Schuhe ausgezogen, von zwei jungen Norwegern erst einmal auf ein Bier eingeladen. Eine der nächsten Hütten ist bereits bewohnt von drei Norwegern unterschiedlichen Alters, die gemeinsam mit ultraleichten Rucksäcken weg- und pfadlos durch die Wildnis joggen. Auf der Hütte lassen sie es sich gutgehen: Auch in ihre Laufrucksäcke passen Steaks für das Abendessen, Eier und Bratwürste fürs Frühstück. Ich genieße die Landschaft. Als ich am dritte Tag an einem Gletschertal vorbeikomme, kann ich mich kaum sattsehen, bleibe immer wieder stehen und mache Fotos. Wie schön, durch diese Gegenden wandern zu können! Schließlich erreiche ich das Saltfjell. Leider hat die Bahnverwaltung einen Bahnübergang abgebaut und so den Weg auf die alte Straße versperrt. Also laufe ich einfach die E6 entlang. Immerhin komme ich gut voran und schaffe fast 50km an einem Tag. Damit ist klar: Die Lebensmittelvorräte reichen bis Sulitjelma! Dort werde ich den Bus nach Bodø nehmen, ich freue mich schon auf zwei Tage Pause dort.

Im Grunde gibt es vier Ebenen der Orientierung: Zuerst kommt die grobe Planung. Welche Route möchte ich gehen? Wie weit ist es zum nächsten Laden, für wie viele Tage muss ich mich verpflegen? Gibt es zwischendurch Hütten oder andere Unterkünfte, wo ich übernachten kann? Im Gelände fängt dann die Arbeit mit dem Kompass an: Ich wandere ja ohne Papierkarte, die Karte ist auf dem Smartphone. Dort lege ich den Kompass entlang der Linie, die ich laufen will, und norde ihn entsprechend ein. Dann kann ich den Spiegel des Kompasses ausklappen und sehe in der Visierlinie den nächsten Zielpunkt in vielleicht ein, zwei oder drei Kilometern Entfernung. Damit ist die grobe Richtung klar, oberhalb der Waldgrenze sieht man dann auch schon eine ganze Menge des Weges. Dann geht es los. Man übersieht ja immer so die nächsten 20 bis 50 Meter und entscheidet rechts oder links um das Sumpfloch drumherum, über den Felsrücken oder daneben entlang und so weiter. Hier gibt es die meisten Überraschungen: Man kommt über einen Felsrücken hinauf und stellt fest, dass man vor einem kleinen Teich steht. Also mal wieder 100 Meter Umweg. Oder man steht plötzlich vor einer 10 bis 20 m tiefen Schlucht. Also schauen, ob es rechts oder links eine Querungsmöglichkeit gibt - und wieder ein Umweg. Das Wandern im Gebirge braucht Flexibilität und Geduld. Schließlich muss jeder Tritt ordentlich gesetzt werden. Liegt der Stein fest, auf den ich treten will? Wie tragfähig ist der Sumpf, durch den ich gerade gehe? Gibt es hier Löcher im Boden, wo ich drohe umzuknicken? Auch wenn das Wandern fast instinktiv geht, muss man doch die ganze Zeit konzentriert bleiben, sonst stolpert man und fällt auf die Nase oder versinkt im Sumpf.

Bei der Planung meiner Reise hatte ich vor dieser Etappe am meisten Respekt. Der Nationalpark Børgefjell ist ohne Wege und Markierungen. Hier soll die Wildnis erhalten bleiben und nicht einfach zugänglich gemacht werden. Ein paar Flussdurchquerungen stehen an, tiefe Watstellen sind für mich als Alleinwanderer immer ein besonderes Risiko. Diese Etappe ist die einzige, von der ich eine Papierkarte im Rucksack habe, die ich mir schon im letzten Jahr besorgt habe. Der Beginn ist noch angenehm zivilisiert: 15 km laufe ich auf einer kleinen, wenig befahrenen Landstraße bei schönstem Wetter von Røyrvik zum See Namsvatnet. Vom kleinen Hafen aus habe ich ein Transfer-Boot gebucht, das mich über den See bringen wird. Die meisten Norge-på-langs-Wandernden nutzen dieses Boot, es vermeidet zwei Tage Wühlerei in weglosem Tannenwald. Auf der Bank neben mir warten vier Jungs mit großem Gepäck. Als sie ihre Rucksäcke schultern und ich sie anspreche, erfahre ich, dass sie die anderen vier Passagiere sind und sie gerade mit dem Bootsführer besprochen haben, eine halbe Stunde eher loszufahren. Hätte man mir ja auch mal sagen können. Die vier Jungs setzen sich vorne in den offenen Bug, ich mache es mir hinten neben den Rucksäcken in der Kuchenbude bequem und wechsele ein paar Worte mit dem Bootsführer. Als er den Hebel für den 150-PS-Yamaha-Außenborder auf den Tisch legt, sind die Jungs vorne richtig cool und ziehen ihre Kapuzen zu. Ich genieße hinten die Fahrt in der Sonne, während wir mit 25 Knoten über den See rauschen. Auf der anderen Seite angekommen, beginnt die Wildnis. Ich folge einem breiten Tal, das einen sanften Aufstieg auf die Höhen des Børgefjells vermittelt. Auch wenn es nasse Schuhe gibt, folge ich den Sumpfen und Mooren. Das ist einfacher, als sich durch die Birkenwäldchen und Weidenbüsche zu schlagen. Mit zunehmender Höhe öffnet sich die Landschaft, es gibt mehr und mehr Wind und die Mücken, die unten schon sehr lästig waren, werden vorsichtiger. Auf den Weiten des Børgefjells lässt sich gut laufen. Für den Abend finde ich einen wunderbaren Zeltplatz an einem kleinen See. Es sind zwar Wolken aufgezogen, aber noch ist es trocken. Bei offenem Zelt kann ich die Aussicht nach dem Abendessen genießen. Was für ein Blick, was für eine Stille! Am nächsten Morgen regnet es und es geht ein kalter Wind. Ich zögere den Aufbruch hinaus und koche noch einmal Kakao im Zelt. Der weitere Weg ist etwas unübersichtlich, ich darf nicht in die weiten Täler nach Osten abdriften. Aber ich finde mich gut zurecht, und die Flussdurchquerungen sind nicht mehr als knietief, also Gott sei Dank keine großen Gefahren. Die Schuhe bleiben bei den Querungen immer an, ohne Schuhe hätte man auf den Steinen im Flussbett überhaupt keine Sicherheit. Hinterher werden die Schuhe, ausgeleert, Socken und Einlegesohlen ausgewrungen, und dann geht es halt mit nassen Füßen weiter. Sie werden schon wieder warm. Zum Abstieg finde ich im zweiten Anlauf dann auch den Pfad, der auf der Karte eingezeichnet ist und mich durch den Wald hinunterführen wird. Markiert ist er kaum, aber gut ausgetreten und an allen fraglichen Stellen sind wunderschöne, kleine Pfeile aus Holz aufgestellt. Ich bin wahrscheinlich schon recht müde, sodass ich den Pfad gequert habe, ohne es zu merken. erst als ich 100 Meter weiter auf die Karte schaue, stelle ich fest, dass ich ein Stück zurück muss. Unten auf der Straße angekommen, laufe ich noch zwei Stunden in die Nacht hinein. Ich möchte morgen rechtzeitig in Hattfjelldal sein, um noch in Ruhe einkaufen zu können. Einen Zeltplatz finde ich auf dem Schrottplatz eines Bauern. Wenn man das Zelt zumacht, ist die Aussicht ganz erträglich. Am nächsten Morgen bin ich früh auf der Landstraße. Nach 10 Minuten hält ein VW Bus neben mir und die Dame deutet mir an, ich solle einsteigen. Als ich zögere meint sie: "Du läufst wohl Norge på langs?" Ich darf meinen Rucksack hinten in den Bus legen, sie gibt mir ihre Telefonnummer. Ich solle sie anrufen, wenn ich in Hattfjelldal bin, sie arbeitet dort. So kann ich 25 km schnell und ohne Last auf den Schultern gehen. Erstaunt bin ich allerdings, dass mir nun ohne Rucksack die Schultern weh tun, mit Rucksack hatte ich nie Probleme. In Hattfjelldal wird mein Rucksack nach einem kurzen Anruf vor den Laden geliefert, wo ich auf einer Bank sitze. Dann checke ich im Hotel ein und werde äußerst freundlich empfangen, mit einem Kaffee und einer Flasche Mineralwasser. Die heiße Dusche tut gut, ich kann Wäsche waschen und genieße ein bezogenes Bett. Wie wunderbar sind diese kleinen Hotels, die im Abseits der großen Touristenströme liegen. Ich bin in der Provinz Nordland und damit in Nordnorwegen angekommen.

Auf der einen Seite bin ich glücklich, als ich nach Tagen die Landstraße erreiche. Es gibt nun keine Sumpflöcher mehr, keine Canyons, die sich plötzlich auftun, und beim Laufen kann ich getrost vor mich hin träumen. Auf der Straße bin ich auch wesentlich schneller: Im Gelände brauche ich manchmal eineinhalb Stunden für 4 km, auf der Straße schaffe ich locker 5 km in der Stunde. Auf der anderen Seite ist es langweilig, und die Füße bekommen auf Asphalt schnell Blasen. Also los: Es sind 74 km bis Røyrvik, wo ich ab übermorgen im Limingen Gjestegaard ein Zimmer reserviert habe. Dort werde ich einen Ruhetag einlegen, und ich freue mich darauf. Leichter und etwas besonders wird es durch die Hilfsbereitschaft der Norweger: Kaum bin ich 10 Meter auf der Straße gelaufen, hält schon ein Wohnmobil neben mir. Der Fahrer bietet an, mich mitzunehmen. Aus Prinzip muss ich ablehnen, ich laufe ja Norwegen längs. Schade, es wäre sicher ein interessantes Gespräch geworden. Nach 10 km muss ich in Sandvika abbiegen. Dass der Laden an der Kreuzung geschlossen war, wusste ich, es ist ja Sonntag. Doch 500 m die Straße hinunter sehe ich eine Tankstelle, nehme das Fernglas und stelle fest, dass dort eine Tür offen ist. Also nicht nur ein Automat, sondern eine bediente Tankstelle. Ich gehe den Umweg an und staune: ein kompletter Laden mit allem, was man so im Gebirge brauchen könnte, einige touristische Waren und für mich am interessantesten: ein Restaurant! 15 Minuten später sitze ich vor einem großen Hamburger und konnte mir vorher sogar wieder einmal die Hände mit Seife waschen. Was für ein Fest! Zum Abschluss und für den Weiterweg leiste ich mir noch ein Eis.

Schritt für Schritt finde ich meinen Rhythmus wieder. Das Leben im Zelt und auf dem Weg spielt sich wieder ein, die Dinge finden ihren Platz wieder und ich gewöhne mich daran, unterwegs zu sein. Dass der Weg durchgehend gut markiert ist, erleichtert das wesentlich, ich hätte es so nicht erwartet. Die erste Nacht war stürmisch und regnerisch. So habe ich sehr bald hinter Storlien gezeltet, um zwischen den Birken noch etwas geschützt zu sein. Morgens baue ich das Zelt klatschnass ab, und nass geht es weiter: Der Weg besteht mehr oder minder aus Moor und Matsch. Ich fühle mich ein wenig an den Beginn der Schöpfung erinnert und denke, dass es von Gott eine sehr gute Idee war, Wasser und Festes voneinander zu trennen. Das hätte es hier auch gebraucht. Stattdessen bekomme ich nasse Schuhe, die erst nach drei Tagen wieder halbwegs trocknen. Ab dem Mittag kommt dann die Sonne heraus und es wird bestes Wanderwetter: 17 Grad Wärme, heiter bis wolkig und so viel Wind, dass die Mücken nicht aufdringlich werden. Ich finde für die beiden Abende gute Zeltplätze. Am dritten Tag komme ich mittags an einer DNT-Hütte vorbei. Ich mache doch heute eine längere Pause, bediene mich im Proviantraum und koche mir italienische Pasta aus der Tüte. Ich habe immer noch keinen genauen Plan, wo ich weitergehen will, das hemmt mich etwas, und die Schritte voran sind nicht ganz so forsch, wie sie sein sollten. Ich beschließe, das muss sich ändern. So gehe ich am vierten Tag mit 26km nur eine halbe Etappe, um einen Nachmittag in der Bellingstua zum Planen nutzen zu können. In dieser DNT-Hütte in der Nähe der Straße gibt es Strom, um die Elektronik aufzuladen, und es gibt Handyempfang. Ich forsche auf verschiedenen Websites nach, wie meine Vorgänger gegangen sind, und plane die Route der nächsten Tage durch: markiert zur nächsten Hütte, dann 40 km durch die Wildnis zu einem einsamen Bauernhof, dann geht es weiter auf dem Wanderweg E1 nach Sandvika. Nun weiß ich auch, dass ich mich für sechs Tage verpflegen muss, und kann entsprechend packen. Was noch fehlt an Verpflegung, liefert der Proviantraum in der Bellingstua. Heute Morgen komme ich gut in Gang, die Planung im Kopf zu haben, hilft. Und ich bin erstaunt über den Weg: Die ersten acht Kilometer liegen Planken über das Moor, ein bequemer und einfach zu laufender Weg. Die Kilometer fliegen da fast vorbei. Später wird es anders werden, aber jetzt genieße ich es.

Der Mittelteil meiner Pilgertour beginnt. Jetzt komme ich in zunehmend einsamere, weglosere Gegenden. Es kommen Etappen, vor denen ich durchaus Respekt habe. Doch zuerst einmal fahre ich mit der Bahn zurück nach Storlien, wo unsere Wanderung vor vier Tagen geendet hat. Zwischendurch mache ich das, vor allem für amerikanische Touristen obligatorische, Foto des kleinen Bahnhofes in Hell. Knapp oberhalb von Storlien zelte ich. Heute Nacht ist eine Wetterfront angesagt, da ist es gut, wenn ich etwas geschützt stehe. Gegen Mitternacht kommt sie, es regnet heftig und der Wind rüttelt ordentlich am Zelt. Gut, dass ich jetzt nicht oben im Kahlfjell stehe. Wobei es eigentlich Fjäll heißen müsste, denn Storlien liegt schon in Schweden und ich bin heute noch auf der schwedischen Seite der Grenze. Ich bin gespannt, wie ich die nächsten Etappen schaffen werde und wann ich wieder Empfang haben werde.

Für drei Tage mieten wir für uns eine kleine Hütte: zwei Stockbetten, ein Tisch mit zwei Stühlen, ein Kühlschrank und zwei Herdplatten, und vor allem: eine Terrasse mit Ausblick über den Trondheimsfjord. Das ist nun unser kleines Häuschen auf dem Zeltplatz Storsand. Wir genießen die Zeit. In der Nähe ist ein kleines Café mit einer Handwerksbäckerei. Dass es jeden Tag nun frische Zimtschnecken oder andere leckere Teile gibt, ist zwingend. Abends gibt es die norwegischen Spezialitäten: Lachs und Rømmegrøt zum Nachtisch. Ansonsten machen wir gar nichts. Nun gut, die Ausrüstung wird sortiert und einiges wird gewaschen, die nächste Tour wird geplant. Bei Regen oder Sonnenschein verbringen wir viel Zeit auf unserer kleinen Terrasse und haben Glück: im Fjord schwimmt eine Gruppe kleiner Schweinswale vorbei, deren Flossen im Fernglas gut sichtbar sind.

Eine Woche lang begleitet mich meine Frau auf meiner Pilgertour. Nach dem festlichen Abendessen zum Geburtstag beginnt der nächste Tag im Fjellhotel Nordpå mit einem großen Frühstück. Dann steigen wir bei wechselhaftem Wetter auf, doch genießen die weiten Blicke. Am nächsten Tag queren wir ein Tal, berühren kurz die Zivilisation und machen auf der Bank eines Buswartehäuschens Pause. Dann geht es steil den Berg hinauf. Oben schließe ich kurz eine DNT-Hütte auf, um zur Toilette zu gehen. Die Pause wird länger. Auf der gegenüberliegenden Talseite zieht ein Gewitter auf, und das lässt sich in einer Hütte doch sehr viel schöner abwettern. So sitzen wir zwei Stunden in der Hütte, trinken Kaffee und essen die Schokoladen aus dem Rucksack auf. Schließlich gehen wir weiter, letztendlich zelten wir ziemlich hoch auf über 1000 Meter an recht kleinen Teichen. Doch es reicht zum Kochen und Waschen. Das Wetter wird zunehmend kälter und regnerischer. So peilen wir für die nächste Nacht eine bewirtschaftete Hütte an. Als wir ankommen, stellen wir fest, dass die Hütte ausgebucht ist, doch wir bekommen einen Schlafplatz in der Stube. So breiten wir unsere Schlafsäcke unter einem riesigen ausgestopften Elchskopf aus. Das Essen und die Gespräche mit zwei wandernden Niederländern sind sehr genussvoll. Einen vollen Wandertag haben wir noch, als wir höher kommen, wird es wirklich kalt und windig. Bei knapp über 0 Grad bauen wir das Zelt auf und brauchen eine ganze Weile, bis wir wieder warm sind. Als die Schlafsäcke einmal aufgewärmt sind, geht es uns so gut, dass wir selbst auf das Kochen des Abendessens verzichten und gemütlich einschlafen. Am nächsten Tag ist es dann nur noch ein kurzer Weg nach Storlien hinunter. Von dort nehmen wir den Zug nach Trondheim, um noch drei Ferientage gemeinsam zu genießen.

Am 30. Juni feierte ich meinen 60. Geburtstag. Nun kann ich mich mit Fug und Recht als reifer Mann bezeichnen, vielleicht auch als älterer Herr. Schon beim Geburtstagsfrühstück im Hotel Scandic in Trondheim erreichen mich erste Glückwünsche. Wie schön, dass Menschen an mich denken. Es freut mich sehr, von Freunden und Verwandten zu hören, gerade hier oben in Norwegen auf meiner Reise. Geschenke gibt es keine, ich könnte sie ja nicht im Rucksack tragen. Auch die Geburtstagspost werde ich erst nachträglich öffnen können, wenn ich wieder in Bremerhaven bin. Ich freue mich darauf. Mit dem Bus fahren wir nach Haltdalen, um wieder in die Wanderung einzusteigen. Unerwarteterweise gibt es dort für mich eine besondere Geburtstagsfeier? Wir schauen die kleine, rekonstruierte Stabkirche von Haltdalen an. Anschließend können wir im alten Pfarrhof einkehren. Zum Geburtstagskaffee auf dem Sofa in der original restaurierten Stube gibt es Waffeln mit saurer Sahne und Erdbeermarmelade, klassisch norwegisch. Zehn Kilometer wandern wir zu einem kleinen Berghotel. Auf dem Weg werden uns die Rucksäcke von einem freundlichen Autofahrer abgenommen, unbeschwert können wir die Straße hinaufschlendern. Im Nordpå Fjellhotel leisten wir uns ein festliches Abendessen. Nachdem Annette im Gästebuch festgehalten hat, dass ich heute Geburtstag habe, gibt es auch hier noch eine Menge Glückwünsche. Ein ganz anderer, aber sehr schöner 60. Geburtstag. Ob ich wirklich weiser geworden bin, könnt ihr ja später in diesem Blog feststellen. Ganz herzlichen Dank für die vielen lieben Glückwünsche!!

Ungefähr ein Drittel meiner Pilgerreise habe ich nun geschafft. Jetzt gönne ich mir eine kurze Pause. Ich steige in Røros aus dem Trail aus und in den Zug ein, der mich nach Trondheim bringt. Zwei Tage bin ich in einer Campingplatzhütte einquartiert. Ich wasche Wäsche, sortiere Ausrüstung, mache das Zelt gründlich von innen sauber und genieße die Ruhe auf der Terrasse der Hütte mit dem Blick über den Trondheimsfjord. Dann kommt meine liebe Frau zu Besuch und wir wechseln in ein Hotel in Trondheim. Das Hotel ist bekannt für das beste Hotelfrühstück Norwegens - wir genießen das Leben und feiern meinen 60. Geburtstag. Dann geht es zurück nach Haltdalen, wo wir gemeinsam für eine Woche wieder in die Pilgerroute einsteigen. Dort sind wir noch für eine Nacht in einem Fjellhotel untergebracht. Dann werden wir wieder im Zelt leben, bei vermutlich recht wechselhaftem und regnerischem Wetter. Wir werden sehen.

Zwei Tage lang war ich nun ein richtiger Pilger: Von Tynset aus bin ich einem der Olavswege gefolgt. Es gibt in Norwegen ein ganzes Netz von Olavswegen, die alle nach Trondheim zum Nidarosdom führen. Nidaros ist ein alter Name für Trondheim. Ich bin zwei Tage lang dem Nidarosweg durch das Østerdalen gefolgt. Gleich zu Beginn kann ich die Kirche in Tynset besuchen, die extra für Pilger den ganzen Tag über offen ist. Sie ist wunderbar blau ausgemalt. Über dem Kanzelaltar ist nicht der auferstandene Christus dargestellt, sondern die Krone des damaligen dänisch-norwegischen Königs. Hier wird deutlich, wie sehr die Kirche nach der Reformation für die staatliche königliche Verwaltung Norwegens genutzt wurde. Ich genieße die Stille des Kirchenraumes und bleibe eine halbe Stunde für eine ruhige Zeit des Gebetes.

Jetzt habe ich den Osten Norwegens erreicht: Die Landschaft ändert sich. Die Berge sind runder, die Täler liegen schon höher, die ganze Landschaft hat eine große Weite. Es ist hier wesentlich trockener, die Regenwolken bleiben in den großen Gebirgen weiter westlich hängen. Der Boden ist oft mit weiß-grüner Rentierflechte bedeckt. Zum Einen ist dadurch das Laufen im Gelände einfacher, es gibt wesentlich weniger Sumpf und Matsch. Auf der anderen Seite wird es schwieriger Zeltplätze zu finden, da es nur wenige Bäche gibt. Ich genieße die Weite der Landschaft und freue mich, vorangekommen zu sein.

Das Rondane ist eine der bekannten Berg- und Wandergegenden in Norwegen. In der Mitte ein paar hohe, schroffe Gipfel, drumherum weite Hochebenen. Die Gipfel werde ich nicht besteigen, ich werde vorher nach Osten abbiegen. Von Vinstra aus geht es bei ziemlich warmem Wetter eine Straße recht steil hinauf. Ich komme ganz schön ins Schwitzen. Doch genieße ich es, höher zu kommen und das Tal mit seinem Autoverkehr hinter mir zu lassen. Plötzlich hält neben mir ein kleiner Geländewagen, der Fahrer springt heraus, öffnet die Hecktür und sagt mir: "Das musst du dir anhören!". Ich bekomme in voller Lautstärke alpenländische Volksmusik vorgespielt. Er ist ein Österreicher, der seit 40 Jahren in Norwegen lebt. Nun ist er auf dem Weg zur Hütte, um dort zu angeln. Er strahlt eine große Freude aus und verrät mir auch sein Lebensmotto dahinter: "Lebe jeden Tag, denn sterben tust du nur einmal." Dann sammelt er noch schnell Müll vom Straßenrand auf und fährt weiter. Je höher ich komme, desto mehr Wolken ziehen auf, es wird windiger und kalt. So freue ich mich über einen kleinen Unterstand, in dem ich Mittagspause machen kann. Als ich dann die erste Bergkette überschritten habe, suche ich mit dem Fernglas im Tal nach möglichen Zeltplätzen. Es sieht alles sehr sumpfig aus, so beschließe ich, den ersten möglichen Zeltplatz zu nehmen. Dass dies dann schon nach zehn Metern der Fall sein würde, wusste ich da ja noch nicht. Aber wenn es einen Bach gibt und eine ebene Fläche und noch Aussicht dazu, dann bleibt man halt. Am nächsten Tag quere ich das breite Tal und steige auf einem erstaunlich guten Weg auf die Hochfläche auf. Ich vermute, dass es sich um einen alten Almweg handelt. Als ich am Bach Mittagsrast halte, tauchen zu meinem großen Erstaunen plötzlich Cowboys am Horizont auf, die ihre Kühe durch das Rondane treiben. Etwas überrascht gehe ich aus dem Weg, damit die Kühe in Ruhe den Bach queren können. Am nächsten Tag begegne ich ihnen wieder, als sie an einer Hütte die Pferde striegeln. Die Cowgirls erwidern meinen freundlichen Gruß nicht, wahrscheinlich reden sie nicht mit niederen Fußgängern. Nur der Leiter der Gruppe spricht mich an und erzählt, dass sie ja schon gestern ein Zelt an der Straße gesehen haben. Die nächste Nacht verbringe ich in der Berghütte Bjørnhollia. Sie ist eine bewirtschaftete Hütte. Das bedeutet eine sehr luxuriöse Lounge, ein üppiges dreigängiges Abendessen und ein überreiches Frühstücksbuffet mitten in den Bergen. Beim Abendbrot sitze ich am Tisch mit drei Norwegern, die sich intensiv mit Zen-Meditation beschäftigen. Es entwickelt sich ein sehr interessantes und bereicherndes Gespräch über das, was das Leben trägt und was wirklich wichtig ist im Leben. Wie erreicht man innere Ruhe, was führt zum Glücklichsein? Wir haben unsere unterschiedlichen Wege und es ist sehr interessant, voneinander zu hören. Beseelt und bereichert ziehe ich mich in meine kleine Kammer zurück und schlafe gut.

Heute ein Auszug aus dem Logbuch: Auch wenn der Wecker schon um 7 Uhr klingelt, komme ich erst gegen 9:30 Uhr los. Ich genieße die Weite der Berge und die Ausblicke. Der Weg besteht aus einem gut gebahnten Pfad, ich komme gut voran und habe keine Schwierigkeiten den Weg zu finden. Im Laufe des Tages ziehen die Wolken immer mehr zu, die Mücken werden lästiger und ich brauche das Mückenmittel. Als ich die Straße erreiche, kann ich noch eine Pause im Trockenen machen. Ab dann geht es auf der Schotterstraße Richtung Alvdal, die Abwechslung des Fjellweges ist leider vorbei. Ich überlege lange, wie weit ich noch gehen soll, entscheide mich dann aber noch einmal im Wald zu zelten. Ich finde einen kleinen Bach. Zeltplätze gibt es hier genug. Ich merke, dass ich deutlich im Osten bin. Es ist sehr viel trockener hier. Statt Moor und Sumpf besteht der Boden hier aus Rentierflechte, auf der sich super angenehm zelten lässt. Um 17 Uhr mache ich Feierabend, 29 km bin ich heute gelaufen. Ich hoffe, dass ich es morgen bis Tynset schaffe, dort ist ein Campingplatz.

Die norwegischen Wanderwege sind an Bäumen oder Steinen mit roter Farbe markiert. Bei den selten begangenen Wegen muss man oft etwas suchen, bevor man die nächste Markierung entdeckt. Der Pfadfindergeist wird durchaus gefordert. Gestern musste ich die Wegmarkierung kurz reparieren: der oberste Stein mit dem T war herabgefallen.

Ich genieße mein kleines Zelt. Fast jeden Abend muss ich mir also einen Zeltplatz suchen. Man darf in Norwegen als Fußgänger in der freien Natur zelten. Aber dazu muss ich erst einmal einen passenden Zeltplatz finden: Zum Ersten muss er zur Etappe passen. Es hilft nichts, wenn nach 5 km ein wunderschöner Zeltplatz da ist. Zum Zweiten brauche ich Wasser. Im Rucksack trage ich nur einen Liter Wasser. Ich brauche also einen Bach oder einen See, um mich selbst und das Wanderhemd zu waschen. Außerdem brauche ich Wasser zum Kochen, für Kartoffelbrei und Kaffee. Schließlich brauche ich einen Platz, der groß genug und eben genug ist für mein Zelt. Das ist nicht so einfach, wie es klingt. In den norwegischen Bergen sind die ebenen Flächen in der Regel sumpfig. Meistens findet sich etwas, in wechselnder Qualität. Der bisher schönste Zeltplatz war vorgestern: Ich hatte einen Bergsee ganz für mich alleine, und der Platz für das Zelt war richtig eben und trocken. Die Aussicht war grandios und die Sonne schien - was will man mehr? Ein Traumplatz.

Inzwischen bin ich im Gudbrandsdal angekommen. Nach dem Numedal, dem Hallingdal und dem Valdres ist dies das nächste und größte der norwegischen Bauerntäler, die sich im Land nach Norden erstrecken. Eine schöne Etappe mit schönen Bergwegen, aber hier unten im Tal in Vinstra bin ich wieder auf der Straße zwischen den Autos an der E6 angekommen. Mein linker Fuß schränkt mich immer noch ein. So komme ich nicht so schnell voran wie ich möchte. Es sind also weniger Kilometer, dafür mehr Unterkünfte auf dieser Etappe. Zwei Nächte habe ich in einer DNT-Hütte zugebracht. Ein Schlüssel passt für fast alle Hütten in Norwegen. Die Hütte Storeskag, in der ich war, liegt in einem alten Almgebiet. Wahrscheinlich ist sie selber eine alte Almhütte. Von innen ist sie wunderbar urig und vor allem hat sie einen Holzofen, mit dem ich heizen kann, während draußen der Sturm um die Hütte tobt. Drei Nächte habe ich im Zelt verbracht. Eine davon im Dauerregen, der nach und nach alles durchnässt. Gut, dass meine Ausrüstung mich auch nass noch gut warm hält. Bei den beiden weiteren Zeltnächten habe ich Glück mit dem Wetter, die Sonne weckt mich jeweils morgens. Ich freue mich draußen in der Natur zu sein und genieße die weiten Blicke in der norwegischen Landschaft. Eine letzte Nacht verbringe ich in einem historischen Hotel, das oben in den Bergen am Weg liegt. Im Hotel Fefor hat vor 100 Jahren die norwegische Königsfamilie Urlaub gemacht. Der sehr beliebte König Olav V. (1903 - 1991) war hier als Kind zum Skilaufen. In diesem Hotel hat Robert Falcon Scott residiert, als er seine Motorschlitten ausprobierte. Später in der Antarktis haben sie ihm allerdings nicht sehr geholfen. Bis 1951 hat die niederländische Königin hier Urlaub gemacht, und seitdem scheint am Hotel auch nicht mehr viel verändert worden zu sein. Die öffentlichen Räume sind wunderbar im Drachenstil gebaut und original seit der Erõffnung des Hotels 1891 erhalten. In Vinstra muss ich mich noch einmal einquartieren, mit meinem Fuß käme ich heute nicht mehr weit genug in die Berge um einen Zeltplatz zu finden. Ich finde ein günstiges Motelzimmer und werde auf dieser Reise das erste Mal als Pilger begrüßt. Der sehr freundliche Wirt schenkt mir als Pilger sogar den Nachtisch zum Abendessen. Morgen geht es aufwärts ins Rondane - mal schauen, wie zügig ich gehen kann.

Ich bin in einer Hütte auf dem Campingplatz einquartiert. Solche Hütten hat in Norwegen fast jeder Campingplatz, es gibt sie in ganz unterschiedlichen Größen und Ausstattungen. Für vier Tage bin ich nun Bewohner eines gemütlichen ausgestatteten Häuschens mit Sofa, kleiner Schlafkammer und Küchenzeile. Ich genieße die Ruhe, lese, erkunde den Ort und das Volkskundemuseum. Ich genieße den Luxus, einmal vom Teller mit Messer und Gabel Essen zu können, Kaffeetasse, Wasserglas und Müslischüssel nutzen zu können. Ich koche mir ein paar norwegische Spezialitäten: Es gibt Rømmegraut mit Zucker und Zimt oder Rakfisk mit Flatbrød. Um die Füße zu entlasten, miete ich mir ein Kanu und paddele über den See, an dem der Campingplatz liegt. Es sind genussvolle Tage. An den Luxus kann ich mich gewöhnen. Und dennoch freue ich mich, dass es nun wieder losgeht: Heute geht es wieder auf den Weg, nach der übersprungenen Etappe bin ich nun wieder im Plan. Auch wenn es etwas Überwindung braucht, die Bequemlichkeit der Hütte zu verlassen, ist es doch das reduzierte Leben auf Tour, das ich suche. Und ich spüre: Die Tage im Luxus sind lange nicht so intensiv wie die Tage draußen, so hart sie manchmal sein mögen. Am Weg vom Campingplatz in das Dorf steht in Fagernes eine Bank. Darauf ein großes Schild: Warum drinnen sitzen, wenn alle Hoffnung draußen ist?

Die erste Maßnahme: Ich steige aus dem Gebirge ab. Allerdings ist der Weg ziemlich bescheiden. Der auf der Karte eingezeichnete Pfad, der sogar als Wanderweg ausgeschildert ist, existiert schlichtweg nicht. Stundenlang schlage ich mich durch die Wildnis und folge irgendwelchen Wildwechseln, die vielleicht Schafe, Ziegen oder Rehe ausgetreten haben. Das Problem ist nur: Ich bin größer als ein Schaf oder Reh. Wo der Pfad unter Bäumen hindurchführt, bleibe ich regelmäßig mit dem Rucksack hängen. Es ist ein ziemlicher Kampf. Schließlich erreiche ich glücklich die Straße und Zelte dort am Bach. Am nächsten Morgen fahre ich mit dem Schulbus in die nächste Siedlung. Ich steige an der Endhaltestelle ein und komme mit der Fahrerin ins Gespräch. Sie schimpft über den kleinen Bus, den sie fährt, und bietet mir von ihren Lakritz an. Nach und nach werden dann die Schülerinnen und Schüler eingesammelt, die mich als absoluten Exot im Bus bestaunen oder ignorieren, je nach Grad des Wachseins. Von Nesbyen aus nehme ich den Zug und weiter den Bus nach Fagernes und quartiere mich dort auf dem Campingplatz in einer Hütte ein. In Fagernes gehe ich zur Ambulanz, um meinen Fuß einem Arzt vorzustellen. Ich bin auf eine lange Wartezeit eingestellt und habe etwas zu lesen mitgenommen. Zu meinem Erstaunen bekomme ich einen Termin in 20 Minuten. Der freundliche Arzt schaut sich meine Schuhe, meine Füße und die gereizte Sehne gründlich an. Meine Entscheidung, ein paar Ruhetage einzulegen, bekräftigt er. Zusätzlich bekomme ich ein Medikament und drei ärztliche Empfehlungen: Neue stabilere Schuhe, Grünseife, um die Füße durch Fußbäder geschmeidiger werden zu lassen, und: Ich solle nicht zum Nordkap gehen. Der nördlichste Festlandpunkt Norwegens ist ja Kinnarodden weiter im Osten. Der Weg sei zwar extrem hart und steinig, aber die Landschaft wunderschön und es würden höchstens 100 Leute im Jahr dort ankommen. Er sei den Weg selbst gegangen. Beruhigt und beseelt gehe ich zurück zum Campingplatz. Wie sehr kann man gesegnet sein, um an einen Arzt zu geraten, der sich selber so gut mit dem Wandern auskennt?

We have a serious undervolt in the left foot... Ich habe ein Problem. Eine Sehne im linken Fuß ist überreizt. Die Sehne ist vorne im Spann, was dazu führt, dass ich den Fuß schlecht nach oben kippen kann. Zur Zeit laufe ich links ein bisschen wie eine Ente. Auf der langen Etappe vorgestern merkte ich es ein bisschen, aber es war nicht dramatisch. Irgendwas ist ja immer. Gestern spürte ich es ab der Hälfte, und abends war mir klar: Ich habe ein Problem. Also erst einmal Zelt aufbauen, abendessen und schlafen. Ruhe soll ja immer gut sein, und dieser Platz ist wunderschön. Heute früh überlege ich meine Optionen: Ich könnte hier einen Tag Pause machen und dann in kleineren Etappen nach Nesbyen hinunter laufen. Ich könnte die zehn Kilometer zum Tierpark Langedrag laufen, dort gibt es die Möglichkeit einer Unterkunft und eine Straßenanbindung. Im Notfall, wenn ich gar nicht mehr laufen kann, könnte ich immer noch den SOS Knopf am inReach drücken und die Fjellrettung ausrücken lassen. Immerhin campiere ich nur zehn Meter neben einer Forststraße. Allerdings habe ich für den Ruhetag die Hütte für den 10. Juni bereits fest gebucht. Ich muss also entweder in den nächsten Tagen mehr laufen oder eine Etappe überspringen. Da Ruhe bei diesen Problemen immer gut ist und der Platz wirklich schön ist, könnte ich erst einmal abwarten. Die Sonne scheint, im Schlafsack ist es warm. Da ich ein Solarladegerät mit habe, bedeutet das auch: Ich muss nicht einmal Strom sparen, sondern kann auf dem Handy lesen oder Musik hören. Allerdings habe ich hier kein Netz. Ich fälle eine Entscheidung: Ich koche erst einmal Kaffee. Der Ruhetag vergeht ereignislos und genussvoll. Die Sonne scheint, zwischendurch gibt es immer wieder Regenschauer. Ich lese und lerne eine Lektion Norwegisch. Ohne Handyempfang bleibt viel Zeit, um in die Landschaft zu schauen und den Gedanken Raum zu geben. Dem Fuß geht es langsam besser. Der Tag ist erzwungen und wirft mich aus dem Zeitplan - aber was soll ich anderes tun, als ihn zu genießen? Und es ist ein wunderschöner Platz, an dem ich bin. Es gibt am See sogar eine Art Bank zum hinsetzen, in der Kuhle im Heidekraut schlafe ich wunderbar. Am nächsten Morgen geht es weiter. Ich werde erst einmal in gemütlichem Tempo nach Nesbyen absteigen und dann weitersehen. Dafür werde ich wahrscheinlich zwei Tage brauchen. Ich werde nie weit weg von einer Straße sein, das gibt Sicherheit.

Oder auch nicht? Ich hatte mich darauf gefreut, längs über das Blefjell zu laufen. Vor 35 Jahren habe ich dort eine wunderschöne Tour mit einem guten Freund erlebt. Damals war es Herbst und der erste Schnee fiel. Wie sieht das Blefjell wohl im Frühling aus? In Notodden erfahre ich, dass alle Hütten oben im Fjell geschlossen sind. Es ist die Kalbungszeit der wilden Rentiere, die geschützt werden sollen. Während in Nordnorwegen die Rentiere alle zahm sind und jemandem gehören, gibt es in Südnorwegen wilde Rentierherden. Die größte in der Hardangervidda, kleinere in den umliegenden Gebirgen - so auch im Blefjell. Die Herde hier scheint vom Aussterben bedroht zu sein und muss deshalb geschützt werden. Das Betreten der freien Natur ist in Norwegen ein wichtiges und sehr hoch gehaltenes Recht, das Jedermannsrecht. So wird das Gebiet nicht gesperrt, aber vom betreten wird abgeraten. Und man schließt eben die Hütten um Wanderer abzuhalten. Ich überlege lange, was ich tun soll. Schließlich entscheide ich mich: Ich trage meinen Teil zum Schutz der Rentiere bei und werde das Fjell nur queren. Also geht es zwei lange Tage durch den Wald, sehr langsam gewinne ich Höhe. Am am dritten Tag erreiche ich endlich das Ende der Waldstraßen. Den Einstieg zum Wanderweg finde ich nicht sofort. Ein freundlicher Norweger, der gerade seinen brandneuen Pistenbulli im Schotter ausprobiert, hilft mir und weißt mir den Weg zur Øvre Fjellstul. Durch Bergwald und Moor geht es weiter. Die Waldgrenze werde ich nicht erreichen und werde so keine großen Ausblicke genießen können. Aber immerhin komme ich zu der Hütte, in der ich damals übernachtet habe. Es sind schöne Erinnerungen, durchs Fenster schaue ich hinein. Weiter geht es im Regen durch Moor und Heidekraut, zwischen Birken und Tannen. Der Blick öffnet sich und ich finde mich mitten im Hüttengelände wieder. Bis weit oben ist alles mit Ferienhütten bebaut. Nichts gegen Ferienhütten. Sie sind oft sehr gemütlich, ich kann Norweger gut verstehen, dass es schön ist, eine zu besitzen. Ich will selber. Habe ja auch schon Urlaub in solchen Hütten verbracht. Besonders im Winter. Wenn rundum Langlaufloipen gespurt sind, ist es eine schöne Sache. Dennoch werde ich das Gefühl nicht los: Für die Rentiere ist dies tatsächlich nicht die ideale Gegend. Im im futterarmen Winter sind sie hier garantiert nicht ungestört. Die Kalbungszeit fällt in die Osterzeit - da sind alle Norweger in der Hütte im Gebirge zum Skilaufen. Ich werde das Gefühl nicht los, hier wird Rentierschutz mit sehr ungleich langen Wanderstäben betrieben. Hinter dem Bau von Ferienhütten stecken ganz andere finanzielle Interessen als hinter ein paar Wanderern, die die Hütten des DNT nutzen. Mit zwiespältigen Gedanken steige ich ins Tal ab, während der Regen mich immer mehr durchnässt.

Inzwischen bin ich in Notodden angekommen und liege im Zeitplan. Die Wege waren wechselhaft: Viele Landsträßchen, die auf die Dauer aber auch langweilig werden können. Dazwischen Waldwege, die eigentlich markiert sein sollen, oft muss ich aber den Pfad und die nächste Markierung suchen. Sehr oft laufe ich durch Wald. Es ist eindrücklich zu erleben, wie viel Holz es in Südnorwegen gibt. Die Routine spielt sich ein, die Gegenstände finden ihren angestammten Platz im Rucksack. Nur zwischen Füßen und Schuhen gibt es nach wie vor einige Reibungspunkte, jeden Abend muss ich noch das Blasenpflaster herauskramen. Mal sehen, ob oder wann sich das einspielt.

...aber leichter im Rucksack. In fast jedem Geschäft kaufe ich zu viel ein. Schokolade im Sonderangebot ist großartig, zumal Freia-Schokolade gerade bei Regenwetter richtig gut tut. So trage ich seit zwei Wochen 400g Schokolade mit mir herum. Und so manches anderes Essbares sammelt sich im Rucksack. Ich könnte ja Hunger bekommen. Also muss ich Inventur machen, und nehme mir vor: In Zukunft kaufe ich weniger und esse mehr. Mal schauen, ob es klappt.

