Lars Langhorst • 22. Juni 2026
Wege
Die norwegischen Wanderwege sind an Bäumen oder Steinen mit roter Farbe markiert. Bei den selten begangenen Wegen muss man oft etwas suchen, bevor man die nächste Markierung entdeckt. Der Pfadfindergeist wird durchaus gefordert. Gestern musste ich die Wegmarkierung kurz reparieren: der oberste Stein mit dem T war herabgefallen.



Ratespiel: Wo ist der Weg? Wer lange sucht, findet das T: Der Bach ist der Weg.

Am 30. Juni feierte ich meinen 60. Geburtstag. Nun kann ich mich mit Fug und Recht als reifer Mann bezeichnen, vielleicht auch als älterer Herr. Schon beim Geburtstagsfrühstück im Hotel Scandic in Trondheim erreichen mich erste Glückwünsche. Wie schön, dass Menschen an mich denken. Es freut mich sehr, von Freunden und Verwandten zu hören, gerade hier oben in Norwegen auf meiner Reise. Geschenke gibt es keine, ich könnte sie ja nicht im Rucksack tragen. Auch die Geburtstagspost werde ich erst nachträglich öffnen können, wenn ich wieder in Bremerhaven bin. Ich freue mich darauf. Mit dem Bus fahren wir nach Haltdalen, um wieder in die Wanderung einzusteigen. Unerwarteterweise gibt es dort für mich eine besondere Geburtstagsfeier? Wir schauen die kleine, rekonstruierte Stabkirche von Haltdalen an. Anschließend können wir im alten Pfarrhof einkehren. Zum Geburtstagskaffee auf dem Sofa in der original restaurierten Stube gibt es Waffeln mit saurer Sahne und Erdbeermarmelade, klassisch norwegisch. Zehn Kilometer wandern wir zu einem kleinen Berghotel. Auf dem Weg werden uns die Rucksäcke von einem freundlichen Autofahrer abgenommen, unbeschwert können wir die Straße hinaufschlendern. Im Nordpå Fjellhotel leisten wir uns ein festliches Abendessen. Nachdem Annette im Gästebuch festgehalten hat, dass ich heute Geburtstag habe, gibt es auch hier noch eine Menge Glückwünsche. Ein ganz anderer, aber sehr schöner 60. Geburtstag. Ob ich wirklich weiser geworden bin, könnt ihr ja später in diesem Blog feststellen. Ganz herzlichen Dank für die vielen lieben Glückwünsche!!

Ungefähr ein Drittel meiner Pilgerreise habe ich nun geschafft. Jetzt gönne ich mir eine kurze Pause. Ich steige in Røros aus dem Trail aus und in den Zug ein, der mich nach Trondheim bringt. Zwei Tage bin ich in einer Campingplatzhütte einquartiert. Ich wasche Wäsche, sortiere Ausrüstung, mache das Zelt gründlich von innen sauber und genieße die Ruhe auf der Terrasse der Hütte mit dem Blick über den Trondheimsfjord. Dann kommt meine liebe Frau zu Besuch und wir wechseln in ein Hotel in Trondheim. Das Hotel ist bekannt für das beste Hotelfrühstück Norwegens - wir genießen das Leben und feiern meinen 60. Geburtstag. Dann geht es zurück nach Haltdalen, wo wir gemeinsam für eine Woche wieder in die Pilgerroute einsteigen. Dort sind wir noch für eine Nacht in einem Fjellhotel untergebracht. Dann werden wir wieder im Zelt leben, bei vermutlich recht wechselhaftem und regnerischem Wetter. Wir werden sehen.

Zwei Tage lang war ich nun ein richtiger Pilger: Von Tynset aus bin ich einem der Olavswege gefolgt. Es gibt in Norwegen ein ganzes Netz von Olavswegen, die alle nach Trondheim zum Nidarosdom führen. Nidaros ist ein alter Name für Trondheim. Ich bin zwei Tage lang dem Nidarosweg durch das Østerdalen gefolgt. Gleich zu Beginn kann ich die Kirche in Tynset besuchen, die extra für Pilger den ganzen Tag über offen ist. Sie ist wunderbar blau ausgemalt. Über dem Kanzelaltar ist nicht der auferstandene Christus dargestellt, sondern die Krone des damaligen dänisch-norwegischen Königs. Hier wird deutlich, wie sehr die Kirche nach der Reformation für die staatliche königliche Verwaltung Norwegens genutzt wurde. Ich genieße die Stille des Kirchenraumes und bleibe eine halbe Stunde für eine ruhige Zeit des Gebetes.