Lars Langhorst • 30. Juni 2026

Pilgern

Zwei Tage lang war ich nun ein richtiger Pilger: Von Tynset aus bin ich einem der Olavswege gefolgt. Es gibt in Norwegen ein ganzes Netz von Olavswegen, die alle nach Trondheim zum Nidarosdom führen. Nidaros ist ein alter Name für Trondheim. Ich bin zwei Tage lang dem Nidarosweg durch das Østerdalen gefolgt.

Gleich zu Beginn kann ich die Kirche in Tynset besuchen, die extra für Pilger den ganzen Tag über offen ist. Sie ist wunderbar blau ausgemalt. Über dem Kanzelaltar ist nicht der auferstandene Christus dargestellt, sondern die Krone des damaligen dänisch-norwegischen Königs. Hier wird deutlich, wie sehr die Kirche nach der Reformation für die staatliche königliche Verwaltung Norwegens genutzt wurde. Ich genieße die Stille des Kirchenraumes und bleibe eine halbe Stunde für eine ruhige Zeit des Gebetes.

Der Pilgerweg führt mich den Hang hinauf in den Wald hinein, gleich nach der ersten halben Stunde bin ich warm und durchgeschwitzt. Der Weg ist liebevoll markiert: Immer wieder hängen an den Bäumen kleine Holzbrettchen mit dem Pilgerzeichen. Er scheint jedoch nicht sehr viel begangen zu sein: Oft ist der Weg so zugewachsen, dass ich mich durch hüfthohes Gestrüpp kämpfen muss. Dafür gibt es hin und wieder Informationstafeln zu Geschichten und Sehenswürdigkeiten des Weges.


Auf dem Weg durch den Wald umschwirren mich tausende von Fliegen. War es nicht der Teufel, der die Fliegen anzieht und von Fliegen umschwirrt ist? Ist es vielleicht, weil ich nur ein irregulärer Pilger bin? Als mir dann auch noch eine Herde Ziegen hinterherläuft, komme ich ins Nachdenken.

Eine Nacht zelte ich unter einem Pilgerzeichen. Die am Weg ausgeschilderten Pilgerherbergen sind mir wesentlich zu teuer. Allerdings beginnt jetzt in Norwegen die Mückenzeit: Sobald ich das Zelt verlasse, muss ich mich mit Anti-Mückenmittel einsprühen, um nicht zerstochen zu werden.

Zum Abschluss der zwei Tage auf dem Nidarosweg kann ich noch die Kirche in Os besuchen. Leider läuft dort Musik vom Band, so finde ich keine Ruhe und bleibe nicht sehr lange. Dann gehe ich wieder meinen Pilgerweg, nicht nach Trondheim, sondern Richtung Nordkap. Ohne einen aufbereiteten Weg muss ich mir meine Route selber suchen, doch Pilgerschaft bleibt Pilgerschaft. Ich bin mit wenig Gepäck mit Gott und mir alleine unterwegs, verzichte auf den Komfort des Alltags und habe Zeit für Gedanken. Wenn "Norge på langs" eine moderne Idee aus dem Internet ist - waren die alten Pilgerwege nicht auch ein Hype der damaligen Zeit?

von Lars Langhorst 3. Juli 2026
Am 30. Juni feierte ich meinen 60. Geburtstag. Nun kann ich mich mit Fug und Recht als reifer Mann bezeichnen, vielleicht auch als älterer Herr. Schon beim Geburtstagsfrühstück im Hotel Scandic in Trondheim erreichen mich erste Glückwünsche. Wie schön, dass Menschen an mich denken. Es freut mich sehr, von Freunden und Verwandten zu hören, gerade hier oben in Norwegen auf meiner Reise. Geschenke gibt es keine, ich könnte sie ja nicht im Rucksack tragen. Auch die Geburtstagspost werde ich erst nachträglich öffnen können, wenn ich wieder in Bremerhaven bin. Ich freue mich darauf. Mit dem Bus fahren wir nach Haltdalen, um wieder in die Wanderung einzusteigen. Unerwarteterweise gibt es dort für mich eine besondere Geburtstagsfeier? Wir schauen die kleine, rekonstruierte Stabkirche von Haltdalen an. Anschließend können wir im alten Pfarrhof einkehren. Zum Geburtstagskaffee auf dem Sofa in der original restaurierten Stube gibt es Waffeln mit saurer Sahne und Erdbeermarmelade, klassisch norwegisch. Zehn Kilometer wandern wir zu einem kleinen Berghotel. Auf dem Weg werden uns die Rucksäcke von einem freundlichen Autofahrer abgenommen, unbeschwert können wir die Straße hinaufschlendern. Im Nordpå Fjellhotel leisten wir uns ein festliches Abendessen. Nachdem Annette im Gästebuch festgehalten hat, dass ich heute Geburtstag habe, gibt es auch hier noch eine Menge Glückwünsche. Ein ganz anderer, aber sehr schöner 60. Geburtstag. Ob ich wirklich weiser geworden bin, könnt ihr ja später in diesem Blog feststellen. Ganz herzlichen Dank für die vielen lieben Glückwünsche!!
von Lars Langhorst 1. Juli 2026
Ungefähr ein Drittel meiner Pilgerreise habe ich nun geschafft. Jetzt gönne ich mir eine kurze Pause. Ich steige in Røros aus dem Trail aus und in den Zug ein, der mich nach Trondheim bringt. Zwei Tage bin ich in einer Campingplatzhütte einquartiert. Ich wasche Wäsche, sortiere Ausrüstung, mache das Zelt gründlich von innen sauber und genieße die Ruhe auf der Terrasse der Hütte mit dem Blick über den Trondheimsfjord. Dann kommt meine liebe Frau zu Besuch und wir wechseln in ein Hotel in Trondheim. Das Hotel ist bekannt für das beste Hotelfrühstück Norwegens - wir genießen das Leben und feiern meinen 60. Geburtstag. Dann geht es zurück nach Haltdalen, wo wir gemeinsam für eine Woche wieder in die Pilgerroute einsteigen. Dort sind wir noch für eine Nacht in einem Fjellhotel untergebracht. Dann werden wir wieder im Zelt leben, bei vermutlich recht wechselhaftem und regnerischem Wetter. Wir werden sehen.
von Lars Langhorst 29. Juni 2026
Jetzt habe ich den Osten Norwegens erreicht: Die Landschaft ändert sich. Die Berge sind runder, die Täler liegen schon höher, die ganze Landschaft hat eine große Weite. Es ist hier wesentlich trockener, die Regenwolken bleiben in den großen Gebirgen weiter westlich hängen. Der Boden ist oft mit weiß-grüner Rentierflechte bedeckt. Zum Einen ist dadurch das Laufen im Gelände einfacher, es gibt wesentlich weniger Sumpf und Matsch. Auf der anderen Seite wird es schwieriger Zeltplätze zu finden, da es nur wenige Bäche gibt. Ich genieße die Weite der Landschaft und freue mich, vorangekommen zu sein.