Pilgern
Zwei Tage lang war ich nun ein richtiger Pilger: Von Tynset aus bin ich einem der Olavswege gefolgt. Es gibt in Norwegen ein ganzes Netz von Olavswegen, die alle nach Trondheim zum Nidarosdom führen. Nidaros ist ein alter Name für Trondheim. Ich bin zwei Tage lang dem Nidarosweg durch das Østerdalen gefolgt.
Gleich zu Beginn kann ich die Kirche in Tynset besuchen, die extra für Pilger den ganzen Tag über offen ist. Sie ist wunderbar blau ausgemalt. Über dem Kanzelaltar ist nicht der auferstandene Christus dargestellt, sondern die Krone des damaligen dänisch-norwegischen Königs. Hier wird deutlich, wie sehr die Kirche nach der Reformation für die staatliche königliche Verwaltung Norwegens genutzt wurde. Ich genieße die Stille des Kirchenraumes und bleibe eine halbe Stunde für eine ruhige Zeit des Gebetes.


Der Pilgerweg führt mich den Hang hinauf in den Wald hinein, gleich nach der ersten halben Stunde bin ich warm und durchgeschwitzt. Der Weg ist liebevoll markiert: Immer wieder hängen an den Bäumen kleine Holzbrettchen mit dem Pilgerzeichen. Er scheint jedoch nicht sehr viel begangen zu sein: Oft ist der Weg so zugewachsen, dass ich mich durch hüfthohes Gestrüpp kämpfen muss. Dafür gibt es hin und wieder Informationstafeln zu Geschichten und Sehenswürdigkeiten des Weges.
Auf dem Weg durch den Wald umschwirren mich tausende von Fliegen. War es nicht der Teufel, der die Fliegen anzieht und von Fliegen umschwirrt ist? Ist es vielleicht, weil ich nur ein irregulärer Pilger bin? Als mir dann auch noch eine Herde Ziegen hinterherläuft, komme ich ins Nachdenken.



Eine Nacht zelte ich unter einem Pilgerzeichen. Die am Weg ausgeschilderten Pilgerherbergen sind mir wesentlich zu teuer. Allerdings beginnt jetzt in Norwegen die Mückenzeit: Sobald ich das Zelt verlasse, muss ich mich mit Anti-Mückenmittel einsprühen, um nicht zerstochen zu werden.


Zum Abschluss der zwei Tage auf dem Nidarosweg kann ich noch die Kirche in Os besuchen. Leider läuft dort Musik vom Band, so finde ich keine Ruhe und bleibe nicht sehr lange. Dann gehe ich wieder meinen Pilgerweg, nicht nach Trondheim, sondern Richtung Nordkap. Ohne einen aufbereiteten Weg muss ich mir meine Route selber suchen, doch Pilgerschaft bleibt Pilgerschaft. Ich bin mit wenig Gepäck mit Gott und mir alleine unterwegs, verzichte auf den Komfort des Alltags und habe Zeit für Gedanken. Wenn "Norge på langs" eine moderne Idee aus dem Internet ist - waren die alten Pilgerwege nicht auch ein Hype der damaligen Zeit?



