Der Kungsleden
Von Ritsem aus wandere ich weiter durch Nordschweden. Zwei Tage lang habe ich einen recht einsamen Weg. Am ersten Tag laufe ich über einen ausgebauten Bohlenweg, noch bin ich im Gebiet der Sami. Der nächste Tag führt mich durch ein wunderschönes Tal. Als ich über einen kleinen Kamm komme, tut sich vor mir plötzlich das Panorama des Kebnekaise auf. Die Westflanke des höchsten Berges Schwedens bricht wild mit Gletschern in ein kleines Tal ab, das sich vor mir auftut. Solche Ausblicke, noch dazu im Sonnenschein, machen all die Anstrengungen der Wanderung vergessen. Anstrengend bleibt es. Der Weg ist schlecht markiert, oft muss ich die Pfadspur suchen. An einer Stelle laufe ich den Hang dreimal auf und ab, bis ich schließlich aufgebe und mir meinen eigenen Weg suche. Gut, dass ganz unten die Markierungen deutlicher werden, so muss ich die Brücke über den Fluss nicht suchen, sondern werde dorthin geleitet.








Hier treffe ich auf den berühmten Kungsleden, vielleicht der bekannteste Wanderweg Schwedens. Ich hatte etwas Bedenken vor dieser Etappe: In diesen Tagen läuft auf dem Kungsleden das Fjällräven Classic: eine Volkswanderung für einige tausend Leute. Im Vorfeld habe ich mir Gedanken gemacht, wie das wohl werden wird auf einem Wanderpfad. Nun stelle ich fest, dass ich genau einen Tag nach Ende der Veranstaltung laufe, zu spät ist hier also richtig gut. Einsam ist es trotzdem nicht: Ich treffe pro Tag bestimmt 50 Leute auf dem Weg. Es ist ein internationales Publikum, Wanderer aus Litauen, Korea, Japan, den Niederlanden und Deutschland. Hin und wieder meine ich auch etwas Schwedisch zu hören. Mit einigen Wanderern kommt man ins Gespräch. Aber es ist ganz anders als auf den einsamen Wanderwegen, wo man eigentlich immer stehen bleibt und sich kurz austauscht, wenn man jemanden trifft. Würde ich das hier tun, bräuchte ich bestimmt zwei Wochen bis Abisko. Die Landschaft ist wundervoll, immer wieder eröffnen sich neue Ausblicke in die wilde Berglandschaft. Auch, dass der Weg die ganze Zeit über der Waldgrenze liegt, erfreut mich. Ich liebe die hohen und offenen Landschaften mit ihren weiten Blicken mehr als den Wald.


Ich komme gut voran, drei Tage später bin ich in Abisko am großen See Torneträsk und an der berühmten Erzbahn von Kiruna nach Narvik. Schon als ich in den Ort hinunter laufe, fährt neben mir eine der langen und schweren Erzzüge. Im Ort werde ich gleich von zwei Personen angesprochen, die mich fröhlich begrüßen: "Wir haben einen Finisher!". Ich muss widersprechen, denn ich habe ja noch etwas über 700 km. Sie erzählen, dass sie noch nach 16 Leuten suchen, die im Fjällräven Classic noch nicht im Ziel angekommen sind. Die beiden sind fasziniert von meinem Projekt und wünschen mir alles Gute und gutes Vorankommen.
Ich beziehe ein kleines Hotelzimmer, kann dort Wäsche waschen und im Hotel die Sauna genießen. Das tut den angestrengten Beinmuskeln gut! Nur das Einkaufen ist nicht so einfach, wie ich dachte. Die Auswahl des einzigen Ladens ist doch sehr auf Süßigkeiten, Bier und Süßgetränke konzentriert. Das gäbe es alles palettenweise. Dennoch finde ich mit etwas Fantasie genug Essen für die nächste Etappe. So langweilig die sechs verschiedenen norwegischen Fertiggerichte der Firma Toro mir inzwischen geworden sind, hier vermisse ich sie doch.
Damit bin ich bereit für die nächste Etappe, die mich entlang der norwegisch-schwedischen Grenze bis in die Nordwestecke Finnlands führen wird. Der nächste Anlaufpunkt ist Kilpisjärvi.



