Wild und weit
Blåfjella - Skjækerfjella Nasjonalpark
Jetzt kommt der einsame Teil der Wanderung durch die Mitte Norwegens und durch Nordland. In den ersten Tagen ist der Weg noch markiert mit den roten Punkten auf einem Felsblock oder an einem Baum, manchmal auch mit Pfählen, die oben rot angemalt sind wie übergroße Streichhölzer. In Tagesetappen aufgereiht wie Perlen an einer Schnur liegen DNT-Hütten. Es sind alles sogenannte selbstbediente Hütten: Mit dem Schlüssel kann man sie aufschließen und es gibt einen Proviantraum, wo man einkaufen kann. Fast alle Hütten sind ausgerüstet mit einem Sonnenkollektor und einer 12-Volt-Anlage, sodass es elektrisches Licht gibt und man die Elektronik aufladen kann. Da ich zelte, wandere ich antizyklisch und bin jeweils mittags an einer solchen Hütte. Ich nutze es oft, um mir ein Mittagessen aus dem Proviantraum zu kochen und eine Pause zu machen. Einmal lege ich mich einfach eine Stunde aufs Sofa in der Hütte. Unter dem Vorwand, dass das Telefon ja wieder aufgeladen werden muss, schlafe ich eine Stunde.



Ab dem nächsten Tag wird es dann spannend: Ich steige von Vera noch ein Stückchen auf dem markierten Weg auf und biege dann einfach nach Norden ab. Mit dem Kompass suche ich mir durchs Gelände den Weg. Zuerst einmal bleibe ich oben, oberhalb der Waldgrenze. Dort lässt es sich einfacher laufen und dort finde ich auch einen besseren Zeltplatz für die Nacht. Am nächsten Tag steige ich steil durch den Wald ins Tal ab. Diesem weiten Tal muss ich nun folgen. Anfangs gibt es hin und wieder noch eine Pfadspur, die sich dann aber bald verliert. Zunehmend gewinne ich Vertrauen in meine Wegführung, das Wetter bleibt freundlich und ich komme ganz gut voran. Immer besser kann ich die Sümpfe einschätzen, nur einmal bin ich zu selbstsicher und vielleicht übermütig und versinke in einem Schlammloch bis zum Oberschenkel. Gott sei Dank habe ich kurz vorher die Schuhe fest neu geschnürt – es wäre eine Katastrophe gewesen, auf dem Bauch liegend in tiefem Sumpf nach einem Wanderschuh fischen zu müssen.


Nach langen Stunden komme ich schließlich in Gaundalen an, einem der vielleicht einsamsten Bauernhöfe Norwegens. Dort werde ich herzlich empfangen, werde an den Küchentisch gebeten und bekomme typisch norwegisch erst einmal einen Kaffee. Dass es dazu Schokolade und Kekse auf dem Tisch gibt, die zu mir geschoben werden, freut mich hungrigen Wanderer ganz besonders. Mit Interesse höre ich die Geschichten der älteren Dame, die auf diesem Hof groß geworden ist und ihn nun bewirtschaftet. Im Gästehaus für Wanderer kann ich übernachten.



Durch den einsamen Nationalpark wandere ich bei schönstem Sommerwetter am nächsten Tag weiter. Sonnig, warm und windstill. Was sich nach Traumwetter anhört, ist leider getrübt von der Aktivität der Mücken: Kriebelmücken, Moskitos und Pferdebremsen sind gleichzeitig aktiv und fallen in Massen über den einsamen Wanderer her. Also muss wieder das Netz über den Hut, die Hände kann ich vor Stichen halbwegs schützen. Auf der Karte ist der europäische Wanderweg E1 durchgehend eingezeichnet. In der Natur ist davon nichts zu sehen: Es gibt weder Markierungen noch eine Pfadspur. Es bleibt die nächsten Tage wild und einsam.







Menschen treffe ich erst nach zwei Tagen wieder: Direkt an der letzten Talquerung steht eine kleine Hütte, in der ich eventuell übernachten kann. Als ich ankomme, finde ich die Hütte belegt von einem Vater mit seinem erwachsenen Sohn und zwei Jagdhunden. Ich möchte mich den beiden nicht aufdrängen, genieße aber, mich eine Stunde in der Hütte aufwärmen zu können und ein Gespräch. Beim Kaffee, der selbstverständlich dazu gehört, sprechen wir über Naturerlebnisse und das Leben im Fjell. Für die beiden Norweger ist es selbstverständlich, dass man ohne Weg seine Richtung im Fjell geht. Wozu braucht es Markierungen? Auf der Jagd oder beim Fischen ist es ja genauso. Mir gibt es Zuversicht, dass es etwas ganz normales ist, was ich tue.
Wir sprechen auch über die Anstrengung des Wanderns im Gebirge, über die Kälte und den Regen. Und wir sind uns einig: Es braucht das frieren, die Müdigkeit und die Anstrengung, um den Luxus eines Ofens in einer Hütte oder eines trockenen Zeltes wirklich genießen zu können. Ohne die Herausforderung gäbe es keinen Genuss.
Erst als wir über das Angeln sprechen, kommt Erstaunen auf, als ich erzähle, dass ich noch nie einen Fisch gefangen habe. Der Sohn meint, das müsse geändert werden. Hier im Fluss an der Hütte beißen die Fische eigentlich bei jedem Wurf. Er nimmt die Angel und geht mir voraus an den Fluss. Nach einer kurzen Einweisung bekomme ich die Angel in die Hand und er sagt: Nun los! Beim ersten Wurf verhake ich den Köder zwischen den Steinen. Mein Angellehrer entschuldigt sich und meint, er hätte es deutlicher machen müssen. Ich muss sofort anfangen, die Schnur wieder einzudrehen. Beim zweiten Wurf klappt es besser, aber ein Fisch beißt nicht. Mein Lehrer entschuldigt sich und meint, es könne zu viel Wind wehen. Beim dritten Wurf habe ich dann prompt einen Fisch an der Angel: Der erste Fisch, den ich in meinem Leben gefangen habe, eine kleine Forelle. Nach dem Foto setzen wir sie wieder in den Fluss hinein. Aber zum Abschied bekomme ich noch drei bereits küchenfertige Forellen geschenkt. heute Abend gibt es also Forelle aus dem Campingkocher. Glücklich wandere ich noch eine Stunde weiter, erreiche wieder die Baumgrenze und finde einen schönen Zeltplatz an einem kleinen See.


In diesen Tagen treffe ich auch einige Wanderer, die Norwegen längs laufen. Es bildet sich das erste Mal eine Trail-Community heraus. In Limingen treffe ich zu meiner großen Freude den jungen Norweger wieder, den ich schon in Gaundalen kennengelernt habe. Er hatte (wie ich) Probleme mit den Füßen und ich freue mich, dass er es wohlbehalten bis Røyrvik geschafft hat. Die nächste Etappe durch das Børgefjell wird er mit seiner Freundin laufen, die hier auf ihn wartet. Abends komme ich ins Gespräch mit einer pensionierten norwegischen Lehrerin, der die Etappe durch Trøndelag noch fehlte. Den Rest von Norge på langs war sie im letzten Jahr gelaufen. Eine junge Frau aus Deutschland plant, bis Abisko zu laufen und im Urlaub im nächsten Jahr dann weiterzumachen. Per Mail habe ich Kontakt zu einem Ehepaar aus Deutschland, die zwei Tage hinter mir sind. Diese Gemeinschaft und die Gastfreundschaft auf den einsamen Höfen sind der Grund, warum diese Etappe von manchen als das Herz von Norge på langs beschrieben wird.


