On the Road Again
Auf der einen Seite bin ich glücklich, als ich nach Tagen die Landstraße erreiche. Es gibt nun keine Sumpflöcher mehr, keine Canyons, die sich plötzlich auftun, und beim Laufen kann ich getrost vor mich hin träumen. Auf der Straße bin ich auch wesentlich schneller: Im Gelände brauche ich manchmal eineinhalb Stunden für 4 km, auf der Straße schaffe ich locker 5 km in der Stunde. Auf der anderen Seite ist es langweilig, und die Füße bekommen auf Asphalt schnell Blasen. Also los: Es sind 74 km bis Røyrvik, wo ich ab übermorgen im Limingen Gjestegaard ein Zimmer reserviert habe. Dort werde ich einen Ruhetag einlegen, und ich freue mich darauf.
Leichter und etwas besonders wird es durch die Hilfsbereitschaft der Norweger: Kaum bin ich 10 Meter auf der Straße gelaufen, hält schon ein Wohnmobil neben mir. Der Fahrer bietet an, mich mitzunehmen. Aus Prinzip muss ich ablehnen, ich laufe ja Norwegen längs. Schade, es wäre sicher ein interessantes Gespräch geworden.
Nach 10 km muss ich in Sandvika abbiegen. Dass der Laden an der Kreuzung geschlossen war, wusste ich, es ist ja Sonntag. Doch 500 m die Straße hinunter sehe ich eine Tankstelle, nehme das Fernglas und stelle fest, dass dort eine Tür offen ist. Also nicht nur ein Automat, sondern eine bediente Tankstelle. Ich gehe den Umweg an und staune: ein kompletter Laden mit allem, was man so im Gebirge brauchen könnte, einige touristische Waren und für mich am interessantesten: ein Restaurant! 15 Minuten später sitze ich vor einem großen Hamburger und konnte mir vorher sogar wieder einmal die Hände mit Seife waschen. Was für ein Fest! Zum Abschluss und für den Weiterweg leiste ich mir noch ein Eis.



Der Zeltplatz ist dann vielleicht der schlechteste bisher der Tour. Für eine Nacht reicht es, und morgen bin ich endlich an einem offenen Laden und kann einkaufen.
Der Matkroken in Kvelia ist ein kleiner klassischer norwegischer Landhandel. Als Erstes frage ich nach einem Kaffee. "Bedien dich dort am Automaten", so der freundliche Inhaber, "für Wanderer ist der Kaffee umsonst. Und such dir dazu ein Eis aus der Kühltruhe aus, das geht aufs Haus." Ich kaufe noch eine große Packung Kekse dazu und setze mich in die gemütliche Kaffeeecke. Mit einem norwegischen Ehepaar komme ich ins Gespräch. Sie haben in der Nähe eine Hütte und kommen alle drei bis vier Tage herunter, um einzukaufen, einen Kaffee zu trinken und wieder einmal ein paar Menschen zu treffen. Als ich weiterwandern will, bekomme ich noch ein paar gefilzte Einlegesohlen aus Wolle geschenkt. "Die bekommt hier jeder, der Norge på langs geht."




Das Wetter bleibt gut, und ich komme gut voran. Zehn Kilometer lang führt die Straße durch Schweden, es ist Grenzland hier. Die Straßenschilder sehen nun anders aus, aber der Wald, die Seen und die große Weite sind die gleichen.
Auf einer Passhöhe komme ich an einer kleinen Gamme vorbei, einer Hütte der Samen. Sie ist unverschlossen, ich werfe einen kurzen Blick hinein und gehe weiter. Nach einem guten Kilometer fällt mir ein, dass ich von dieser Hütte in verschiedenen Blogs gelesen habe. Sie steht für alle offen. Ab heute Nacht soll es regnen. Also umkehren, wieder zurück und so bin ich heute Nacht in einer Hütte mit Rentierfellen untergebracht. Wasser finde ich in der Nähe in einem Teich im Moor, ausnahmsweise und zur Sicherheit desinfiziere ich es mit Micropur. Ich mache ein kleines Feuer, um die Mücken auszuräuchern und nutze die Chance, mein Hemd in den Rauch zu hängen. Vielleicht hilft der Rauchgeruch ja in den nächsten Tagen gegen Mücken. Die Bänke sind allerdings recht schmal. Ich träume in der Nacht, ich müsse mich an einem über die Viddal rennenden Rentier festhalten.




Die Kilometer schmelzen dahin, und am Dienstagmittag komme ich in Røyrvik an. Die Kommune Røyrvik hat im Durchschnitt 0,3 Einwohner pro Quadratkilometer und ist samisches Gebiet, der Hauptort hat knapp 300 Einwohner. Doch es gibt einen Laden und, für mich am wichtigsten: das Hotel Limingen Gjestegaard. Mit der wunderbar herzlichen und unaufgeregten norwegischen Gastfreundschaft werde ich von der Inhaberin empfangen. Hilde schafft es, dass man sich sofort wie zu Hause fühlt. Die Kinder wuseln durch die Gaststube, und auf die Frage, wann es Frühstück gibt, sagt sie: "Komm einfach wenn du ausgeschlafen hast. Ich lasse das Frühstück stehen, bis alle gefrühstückt haben." Ich bekomme ein schönes Zimmer mit direktem Blick auf die Kirche und freue mich darüber, hier einen Ruhetag einlegen zu können. Den Füßen, den Beinmuskeln und der Seele wird er gut tun.






