Lars Langhorst • 28. Juni 2026

Die Querung des Rondane

Das Rondane ist eine der bekannten Berg- und Wandergegenden in Norwegen. In der Mitte ein paar hohe, schroffe Gipfel, drumherum weite Hochebenen. Die Gipfel werde ich nicht besteigen, ich werde vorher nach Osten abbiegen.

Von Vinstra aus geht es bei ziemlich warmem Wetter eine Straße recht steil hinauf. Ich komme ganz schön ins Schwitzen. Doch genieße ich es, höher zu kommen und das Tal mit seinem Autoverkehr hinter mir zu lassen. Plötzlich hält neben mir ein kleiner Geländewagen, der Fahrer springt heraus, öffnet die Hecktür und sagt mir: "Das musst du dir anhören!". Ich bekomme in voller Lautstärke alpenländische Volksmusik vorgespielt. Er ist ein Österreicher, der seit 40 Jahren in Norwegen lebt. Nun ist er auf dem Weg zur Hütte, um dort zu angeln. Er strahlt eine große Freude aus und verrät mir auch sein Lebensmotto dahinter: "Lebe jeden Tag, denn sterben tust du nur einmal." Dann sammelt er noch schnell Müll vom Straßenrand auf und fährt weiter.

Je höher ich komme, desto mehr Wolken ziehen auf, es wird windiger und kalt. So freue ich mich über einen kleinen Unterstand, in dem ich Mittagspause machen kann. Als ich dann die erste Bergkette überschritten habe, suche ich mit dem Fernglas im Tal nach möglichen Zeltplätzen. Es sieht alles sehr sumpfig aus, so beschließe ich, den ersten möglichen Zeltplatz zu nehmen. Dass dies dann schon nach zehn Metern der Fall sein würde, wusste ich da ja noch nicht. Aber wenn es einen Bach gibt und eine ebene Fläche und noch Aussicht dazu, dann bleibt man halt.

Am nächsten Tag quere ich das breite Tal und steige auf einem erstaunlich guten Weg auf die Hochfläche auf. Ich vermute, dass es sich um einen alten Almweg handelt. Als ich am Bach Mittagsrast halte, tauchen zu meinem großen Erstaunen plötzlich Cowboys am Horizont auf, die ihre Kühe durch das Rondane treiben. Etwas überrascht gehe ich aus dem Weg, damit die Kühe in Ruhe den Bach queren können. Am nächsten Tag begegne ich ihnen wieder, als sie an einer Hütte die Pferde striegeln. Die Cowgirls erwidern meinen freundlichen Gruß nicht, wahrscheinlich reden sie nicht mit niederen Fußgängern. Nur der Leiter der Gruppe spricht mich an und erzählt, dass sie ja schon gestern ein Zelt an der Straße gesehen haben.

Die nächste Nacht verbringe ich in der Berghütte Bjørnhollia. Sie ist eine bewirtschaftete Hütte. Das bedeutet eine sehr luxuriöse Lounge, ein üppiges dreigängiges Abendessen und ein überreiches Frühstücksbuffet mitten in den Bergen. Beim Abendbrot sitze ich am Tisch mit drei Norwegern, die sich intensiv mit Zen-Meditation beschäftigen. Es entwickelt sich ein sehr interessantes und bereicherndes Gespräch über das, was das Leben trägt und was wirklich wichtig ist im Leben. Wie erreicht man innere Ruhe, was führt zum Glücklichsein? Wir haben unsere unterschiedlichen Wege und es ist sehr interessant, voneinander zu hören. Beseelt und bereichert ziehe ich mich in meine kleine Kammer zurück und schlafe gut.

Da denkst du nichts Böses und genießt die Mittagspause am Bach - plötzlich taucht eine Gruppe Cowboys mit Kühen am Horizont auf. Ein Duell konnte ich glücklichlicherweise vermeiden.

Eine Stunde lang habe ich gebastelt, bis das Ringstind-Zelt halbwegs ordentlich im Wind stand. Bei Wind ist dieses Zelt nicht ganz einfach. Dafür gibt es abends noch diesen wunderschönen Regenbogen.


Edel einquartiert auf der norwegischen Berghütte.

Diese hübsche Stube habe ich für mich bekommen.

von Lars Langhorst 3. Juli 2026
Am 30. Juni feierte ich meinen 60. Geburtstag. Nun kann ich mich mit Fug und Recht als reifer Mann bezeichnen, vielleicht auch als älterer Herr. Schon beim Geburtstagsfrühstück im Hotel Scandic in Trondheim erreichen mich erste Glückwünsche. Wie schön, dass Menschen an mich denken. Es freut mich sehr, von Freunden und Verwandten zu hören, gerade hier oben in Norwegen auf meiner Reise. Geschenke gibt es keine, ich könnte sie ja nicht im Rucksack tragen. Auch die Geburtstagspost werde ich erst nachträglich öffnen können, wenn ich wieder in Bremerhaven bin. Ich freue mich darauf. Mit dem Bus fahren wir nach Haltdalen, um wieder in die Wanderung einzusteigen. Unerwarteterweise gibt es dort für mich eine besondere Geburtstagsfeier? Wir schauen die kleine, rekonstruierte Stabkirche von Haltdalen an. Anschließend können wir im alten Pfarrhof einkehren. Zum Geburtstagskaffee auf dem Sofa in der original restaurierten Stube gibt es Waffeln mit saurer Sahne und Erdbeermarmelade, klassisch norwegisch. Zehn Kilometer wandern wir zu einem kleinen Berghotel. Auf dem Weg werden uns die Rucksäcke von einem freundlichen Autofahrer abgenommen, unbeschwert können wir die Straße hinaufschlendern. Im Nordpå Fjellhotel leisten wir uns ein festliches Abendessen. Nachdem Annette im Gästebuch festgehalten hat, dass ich heute Geburtstag habe, gibt es auch hier noch eine Menge Glückwünsche. Ein ganz anderer, aber sehr schöner 60. Geburtstag. Ob ich wirklich weiser geworden bin, könnt ihr ja später in diesem Blog feststellen. Ganz herzlichen Dank für die vielen lieben Glückwünsche!!
von Lars Langhorst 1. Juli 2026
Ungefähr ein Drittel meiner Pilgerreise habe ich nun geschafft. Jetzt gönne ich mir eine kurze Pause. Ich steige in Røros aus dem Trail aus und in den Zug ein, der mich nach Trondheim bringt. Zwei Tage bin ich in einer Campingplatzhütte einquartiert. Ich wasche Wäsche, sortiere Ausrüstung, mache das Zelt gründlich von innen sauber und genieße die Ruhe auf der Terrasse der Hütte mit dem Blick über den Trondheimsfjord. Dann kommt meine liebe Frau zu Besuch und wir wechseln in ein Hotel in Trondheim. Das Hotel ist bekannt für das beste Hotelfrühstück Norwegens - wir genießen das Leben und feiern meinen 60. Geburtstag. Dann geht es zurück nach Haltdalen, wo wir gemeinsam für eine Woche wieder in die Pilgerroute einsteigen. Dort sind wir noch für eine Nacht in einem Fjellhotel untergebracht. Dann werden wir wieder im Zelt leben, bei vermutlich recht wechselhaftem und regnerischem Wetter. Wir werden sehen.
von Lars Langhorst 30. Juni 2026
Zwei Tage lang war ich nun ein richtiger Pilger: Von Tynset aus bin ich einem der Olavswege gefolgt. Es gibt in Norwegen ein ganzes Netz von Olavswegen, die alle nach Trondheim zum Nidarosdom führen. Nidaros ist ein alter Name für Trondheim. Ich bin zwei Tage lang dem Nidarosweg durch das Østerdalen gefolgt. Gleich zu Beginn kann ich die Kirche in Tynset besuchen, die extra für Pilger den ganzen Tag über offen ist. Sie ist wunderbar blau ausgemalt. Über dem Kanzelaltar ist nicht der auferstandene Christus dargestellt, sondern die Krone des damaligen dänisch-norwegischen Königs. Hier wird deutlich, wie sehr die Kirche nach der Reformation für die staatliche königliche Verwaltung Norwegens genutzt wurde. Ich genieße die Stille des Kirchenraumes und bleibe eine halbe Stunde für eine ruhige Zeit des Gebetes.