Lars Langhorst • 12. Juni 2026

Houston, we...

Die erste Maßnahme: Ich steige aus dem Gebirge ab. Allerdings ist der Weg ziemlich bescheiden. Der auf der Karte eingezeichnete Pfad, der sogar als Wanderweg ausgeschildert ist, existiert schlichtweg nicht. Stundenlang schlage ich mich durch die Wildnis und folge irgendwelchen Wildwechseln, die vielleicht Schafe, Ziegen oder Rehe ausgetreten haben. Das Problem ist nur: Ich bin größer als ein Schaf oder Reh. Wo der Pfad unter Bäumen hindurchführt, bleibe ich regelmäßig mit dem Rucksack hängen. Es ist ein ziemlicher Kampf. Schließlich erreiche ich glücklich die Straße und Zelte dort am Bach.

Am nächsten Morgen fahre ich mit dem Schulbus in die nächste Siedlung. Ich steige an der Endhaltestelle ein und komme mit der Fahrerin ins Gespräch. Sie schimpft über den kleinen Bus, den sie fährt, und bietet mir von ihren Lakritz an. Nach und nach werden dann die Schülerinnen und Schüler eingesammelt, die mich als absoluten Exot im Bus bestaunen oder ignorieren, je nach Grad des Wachseins. Von Nesbyen aus nehme ich den Zug und weiter den Bus nach Fagernes und quartiere mich dort auf dem Campingplatz in einer Hütte ein. 

In Fagernes gehe ich zur Ambulanz, um meinen Fuß einem Arzt vorzustellen. Ich bin auf eine lange Wartezeit eingestellt und habe etwas zu lesen mitgenommen. Zu meinem Erstaunen bekomme ich einen Termin in 20 Minuten. Der freundliche Arzt schaut sich meine Schuhe, meine Füße und die gereizte Sehne gründlich an. Meine Entscheidung, ein paar Ruhetage einzulegen, bekräftigt er. Zusätzlich bekomme ich ein Medikament und drei ärztliche Empfehlungen: Neue stabilere Schuhe, Grünseife, um die Füße durch Fußbäder geschmeidiger werden zu lassen, und: Ich solle nicht zum Nordkap gehen. Der nördlichste Festlandpunkt Norwegens ist ja Kinnarodden weiter im Osten. Der Weg sei zwar extrem hart und steinig, aber die Landschaft wunderschön und es würden höchstens 100 Leute im Jahr dort ankommen. Er sei den Weg selbst gegangen.

Beruhigt und beseelt gehe ich zurück zum Campingplatz. Wie sehr kann man gesegnet sein, um an einen Arzt zu geraten, der sich selber so gut mit dem Wandern auskennt?

von Lars Langhorst 13. Juni 2026
Ich bin in einer Hütte auf dem Campingplatz einquartiert. Solche Hütten hat in Norwegen fast jeder Campingplatz, es gibt sie in ganz unterschiedlichen Größen und Ausstattungen. Für vier Tage bin ich nun Bewohner eines gemütlichen ausgestatteten Häuschens mit Sofa, kleiner Schlafkammer und Küchenzeile. Ich genieße die Ruhe, lese, erkunde den Ort und das Volkskundemuseum. Ich genieße den Luxus, einmal vom Teller mit Messer und Gabel Essen zu können, Kaffeetasse, Wasserglas und Müslischüssel nutzen zu können. Ich koche mir ein paar norwegische Spezialitäten: Es gibt Rømmegraut mit Zucker und Zimt oder Rakfisk mit Flatbrød. Um die Füße zu entlasten, miete ich mir ein Kanu und paddele über den See, an dem der Campingplatz liegt. Es sind genussvolle Tage. An den Luxus kann ich mich gewöhnen. Und dennoch freue ich mich, dass es nun wieder losgeht: Heute geht es wieder auf den Weg, nach der übersprungenen Etappe bin ich nun wieder im Plan. Auch wenn es etwas Überwindung braucht, die Bequemlichkeit der Hütte zu verlassen, ist es doch das reduzierte Leben auf Tour, das ich suche. Und ich spüre: Die Tage im Luxus sind lange nicht so intensiv wie die Tage draußen, so hart sie manchmal sein mögen. Am Weg vom Campingplatz in das Dorf steht in Fagernes eine Bank. Darauf ein großes Schild: Warum drinnen sitzen, wenn alle Hoffnung draußen ist?
von Lars Langhorst 8. Juni 2026
We have a serious undervolt in the left foot... Ich habe ein Problem. Eine Sehne im linken Fuß ist überreizt. Die Sehne ist vorne im Spann, was dazu führt, dass ich den Fuß schlecht nach oben kippen kann. Zur Zeit laufe ich links ein bisschen wie eine Ente. Auf der langen Etappe vorgestern merkte ich es ein bisschen, aber es war nicht dramatisch. Irgendwas ist ja immer. Gestern spürte ich es ab der Hälfte, und abends war mir klar: Ich habe ein Problem. Also erst einmal Zelt aufbauen, abendessen und schlafen. Ruhe soll ja immer gut sein, und dieser Platz ist wunderschön. Heute früh überlege ich meine Optionen: Ich könnte hier einen Tag Pause machen und dann in kleineren Etappen nach Nesbyen hinunter laufen. Ich könnte die zehn Kilometer zum Tierpark Langedrag laufen, dort gibt es die Möglichkeit einer Unterkunft und eine Straßenanbindung. Im Notfall, wenn ich gar nicht mehr laufen kann, könnte ich immer noch den SOS Knopf am inReach drücken und die Fjellrettung ausrücken lassen. Immerhin campiere ich nur zehn Meter neben einer Forststraße. Allerdings habe ich für den Ruhetag die Hütte für den 10. Juni bereits fest gebucht. Ich muss also entweder in den nächsten Tagen mehr laufen oder eine Etappe überspringen. Da Ruhe bei diesen Problemen immer gut ist und der Platz wirklich schön ist, könnte ich erst einmal abwarten. Die Sonne scheint, im Schlafsack ist es warm. Da ich ein Solarladegerät mit habe, bedeutet das auch: Ich muss nicht einmal Strom sparen, sondern kann auf dem Handy lesen oder Musik hören. Allerdings habe ich hier kein Netz. Ich fälle eine Entscheidung: Ich koche erst einmal Kaffee. Der Ruhetag vergeht ereignislos und genussvoll. Die Sonne scheint, zwischendurch gibt es immer wieder Regenschauer. Ich lese und lerne eine Lektion Norwegisch. Ohne Handyempfang bleibt viel Zeit, um in die Landschaft zu schauen und den Gedanken Raum zu geben. Dem Fuß geht es langsam besser. Der Tag ist erzwungen und wirft mich aus dem Zeitplan - aber was soll ich anderes tun, als ihn zu genießen? Und es ist ein wunderschöner Platz, an dem ich bin. Es gibt am See sogar eine Art Bank zum hinsetzen, in der Kuhle im Heidekraut schlafe ich wunderbar. Am nächsten Morgen geht es weiter. Ich werde erst einmal in gemütlichem Tempo nach Nesbyen absteigen und dann weitersehen. Dafür werde ich wahrscheinlich zwei Tage brauchen. Ich werde nie weit weg von einer Straße sein, das gibt Sicherheit.
von Lars Langhorst 7. Juni 2026
Oder auch nicht? Ich hatte mich darauf gefreut, längs über das Blefjell zu laufen. Vor 35 Jahren habe ich dort eine wunderschöne Tour mit einem guten Freund erlebt. Damals war es Herbst und der erste Schnee fiel. Wie sieht das Blefjell wohl im Frühling aus? In Notodden erfahre ich, dass alle Hütten oben im Fjell geschlossen sind. Es ist die Kalbungszeit der wilden Rentiere, die geschützt werden sollen. Während in Nordnorwegen die Rentiere alle zahm sind und jemandem gehören, gibt es in Südnorwegen wilde Rentierherden. Die größte in der Hardangervidda, kleinere in den umliegenden Gebirgen - so auch im Blefjell. Die Herde hier scheint vom Aussterben bedroht zu sein und muss deshalb geschützt werden. Das Betreten der freien Natur ist in Norwegen ein wichtiges und sehr hoch gehaltenes Recht, das Jedermannsrecht. So wird das Gebiet nicht gesperrt, aber vom betreten wird abgeraten. Und man schließt eben die Hütten um Wanderer abzuhalten. Ich überlege lange, was ich tun soll. Schließlich entscheide ich mich: Ich trage meinen Teil zum Schutz der Rentiere bei und werde das Fjell nur queren. Also geht es zwei lange Tage durch den Wald, sehr langsam gewinne ich Höhe. Am am dritten Tag erreiche ich endlich das Ende der Waldstraßen. Den Einstieg zum Wanderweg finde ich nicht sofort. Ein freundlicher Norweger, der gerade seinen brandneuen Pistenbulli im Schotter ausprobiert, hilft mir und weißt mir den Weg zur Øvre Fjellstul. Durch Bergwald und Moor geht es weiter. Die Waldgrenze werde ich nicht erreichen und werde so keine großen Ausblicke genießen können. Aber immerhin komme ich zu der Hütte, in der ich damals übernachtet habe. Es sind schöne Erinnerungen, durchs Fenster schaue ich hinein. Weiter geht es im Regen durch Moor und Heidekraut, zwischen Birken und Tannen. Der Blick öffnet sich und ich finde mich mitten im Hüttengelände wieder. Bis weit oben ist alles mit Ferienhütten bebaut. Nichts gegen Ferienhütten. Sie sind oft sehr gemütlich, ich kann Norweger gut verstehen, dass es schön ist, eine zu besitzen. Ich will selber. Habe ja auch schon Urlaub in solchen Hütten verbracht. Besonders im Winter. Wenn rundum Langlaufloipen gespurt sind, ist es eine schöne Sache. Dennoch werde ich das Gefühl nicht los: Für die Rentiere ist dies tatsächlich nicht die ideale Gegend. Im im futterarmen Winter sind sie hier garantiert nicht ungestört. Die Kalbungszeit fällt in die Osterzeit - da sind alle Norweger in der Hütte im Gebirge zum Skilaufen. Ich werde das Gefühl nicht los, hier wird Rentierschutz mit sehr ungleich langen Wanderstäben betrieben. Hinter dem Bau von Ferienhütten stecken ganz andere finanzielle Interessen als hinter ein paar Wanderern, die die Hütten des DNT nutzen. Mit zwiespältigen Gedanken steige ich ins Tal ab, während der Regen mich immer mehr durchnässt.