Lars Langhorst • 24. April 2026

Rennpferd oder Packesel? Die Nervosität vor dem Start

Die Packliste

Ausrüstungsfragen: Was ist noch ein bischen leichter?


Über die Ausrüstung kann man lange und dankbar debattieren. So leicht wie irgendwie möglich, aber zuverlässig genug für das Wetter des Nordens und hoffentlich haltbar für eine lange Tour. Die wichtigsten Gegenstände:


Zelt:

Ich habe mich für das Ringstind 2 von Helsport entschieden. Mit Zelten von Helsport habe ich wirklich gute Erfahrungen gemacht (unser Winterzelt von Helsport hat viele Jahre auf der Hardangervidda im Winter klaglos überstanden). Mit knapp 2kg ist es recht schwer, man könnte auch sagen zu schwer. Aber es ist gemütlich und bietet Platz für zwei, was wichtig ist: Zwischendurch wird meine Frau mich eine Weile begleiten. Auf 1,20m passen wir beide hinein - ausprobiert. Das Zelt ist warm und hat keinerlei Kondensprobleme - vom Hilleberg Nallo, das wir sonst im Sommer nutzen, bin ich ganz anderes gewohnt. Zum Zelt gehören die originalen V-Heringe aus Alu (9g pro Stück), dazu kommen 6 Titannägel (ebenfalls 9g pro Stück). Der Boden im norwegischen Fjell ist steinig, die Titannägel kann ich mit jedem beliebigen Stein einfach in den Boden hämmern.


Rucksack:

Ospey Exos. Mein treuer alter MacPac ist mit 3,5kg Leergewicht einfach zu schwer. Der Osprey trägt sich hervorragend, wiegt 900g leer und knatscht bei jedem Schritt. Wenn der Rucksack schon so leicht ist dass man ihn kaum spürt - man hört ihn wenigstens


Schlafsack:

Cumulus Panyam (custom made), ca. 900g. Der Service von Cumulus ist großartig, in recht kurzer Zeit wurde der Schlafsack nach genau meinen Vorstellungen gefertigt: Lang genug für mich, mit einer Außenhülle aus wasserdichtem Quantum Pro. Dazu kommt ein aufblasbares Kopfkissen von Exped und ein Seideninlett von Cocoon - das brauche ich für mögliche Übernachtungen in DNT-Hütten. Außerdem ist es sonnig gelb, selbst bei grauem Regenwetter.


Iso-Matte:

Therm-A-Rest Z-Lite, 460g. Ich habe abends einfach keine Lust noch eine Matte aufzupumpen. Und ich habe keine Lust mir Sorgen um Löcher machen zu müssen. Nach einem langen Wandertag: Matte ins Zelt werfen, hinlegen, Kaffee kochen. Komplizierter muß das Leben nicht sein.


Kocher:

Primus Lite+. Die Fachleute sagten: Gaskartuschen sind leichter zu bekommen als Spiritus. Der Kocher ist ein rundum-sorglos System mit Windschutz, wärmendem Topfmantel und Piezo-Zünder. Alles außer Wasser brennt an - aber Gourmet-Küche war sowieso nicht geplant.


Elektronik:

Da kommt erschreckend viel zusammen. Wollte ich nicht eine Auszeit auch vom Internet nehmen? Navigieren werde ich mit der Sportuhr (Garmin Fenix 6x), auf der Karte kann ich meine Route anzeigen lassen. Erarbeitet wird die Route am Smartphone,das auch als Kamera dient. Dazu kommt ein Garmin InReach Notrufgerät. Als Solowanderer ist es essentiell: Wenn ich mir den Knöchel verstauche hilft es mir wenig zu wissen dass spätestens im November jemand vorbeikommt.


Luxus:

284g purer Luxus: Ein Leica Ultravid 8x20 Fernglas. Abends vor dem Zelt in die Weite der Landschaft schauen zu können - darauf freue ich mich!

von Lars Langhorst 8. Juni 2026
We have a serious undervolt in the left foot... Ich habe ein Problem. Eine Sehne im linken Fuß ist überreizt. Die Sehne ist vorne im Spann, was dazu führt, dass ich den Fuß schlecht nach oben kippen kann. Zur Zeit laufe ich links ein bisschen wie eine Ente. Auf der langen Etappe vorgestern merkte ich es ein bisschen, aber es war nicht dramatisch. Irgendwas ist ja immer. Gestern spürte ich es ab der Hälfte, und abends war mir klar: Ich habe ein Problem. Also erst einmal Zelt aufbauen, abendessen und schlafen. Ruhe soll ja immer gut sein, und dieser Platz ist wunderschön. Heute früh überlege ich meine Optionen: Ich könnte hier einen Tag Pause machen und dann in kleineren Etappen nach Nesbyen hinunter laufen. Ich könnte die zehn Kilometer zum Tierpark Langedrag laufen, dort gibt es die Möglichkeit einer Unterkunft und eine Straßenanbindung. Im Notfall, wenn ich gar nicht mehr laufen kann, könnte ich immer noch den SOS Knopf am inReach drücken und die Fjellrettung ausrücken lassen. Immerhin campiere ich nur zehn Meter neben einer Forststraße. Allerdings habe ich für den Ruhetag die Hütte für den 10. Juni bereits fest gebucht. Ich muss also entweder in den nächsten Tagen mehr laufen oder eine Etappe überspringen. Da Ruhe bei diesen Problemen immer gut ist und der Platz wirklich schön ist, könnte ich erst einmal abwarten. Die Sonne scheint, im Schlafsack ist es warm. Da ich ein Solarladegerät mit habe, bedeutet das auch: Ich muss nicht einmal Strom sparen, sondern kann auf dem Handy lesen oder Musik hören. Allerdings habe ich hier kein Netz. Ich fälle eine Entscheidung: Ich koche erst einmal Kaffee. Der Ruhetag vergeht ereignislos und genussvoll. Die Sonne scheint, zwischendurch gibt es immer wieder Regenschauer. Ich lese und lerne eine Lektion Norwegisch. Ohne Handyempfang bleibt viel Zeit, um in die Landschaft zu schauen und den Gedanken Raum zu geben. Dem Fuß geht es langsam besser. Der Tag ist erzwungen und wirft mich aus dem Zeitplan - aber was soll ich anderes tun, als ihn zu genießen? Und es ist ein wunderschöner Platz, an dem ich bin. Es gibt am See sogar eine Art Bank zum hinsetzen, in der Kuhle im Heidekraut schlafe ich wunderbar. Am nächsten Morgen geht es weiter. Ich werde erst einmal in gemütlichem Tempo nach Nesbyen absteigen und dann weitersehen. Dafür werde ich wahrscheinlich zwei Tage brauchen. Ich werde nie weit weg von einer Straße sein, das gibt Sicherheit.
von Lars Langhorst 7. Juni 2026
Oder auch nicht? Ich hatte mich darauf gefreut, längs über das Blefjell zu laufen. Vor 35 Jahren habe ich dort eine wunderschöne Tour mit einem guten Freund erlebt. Damals war es Herbst und der erste Schnee fiel. Wie sieht das Blefjell wohl im Frühling aus? In Notodden erfahre ich, dass alle Hütten oben im Fjell geschlossen sind. Es ist die Kalbungszeit der wilden Rentiere, die geschützt werden sollen. Während in Nordnorwegen die Rentiere alle zahm sind und jemandem gehören, gibt es in Südnorwegen wilde Rentierherden. Die größte in der Hardangervidda, kleinere in den umliegenden Gebirgen - so auch im Blefjell. Die Herde hier scheint vom Aussterben bedroht zu sein und muss deshalb geschützt werden. Das Betreten der freien Natur ist in Norwegen ein wichtiges und sehr hoch gehaltenes Recht, das Jedermannsrecht. So wird das Gebiet nicht gesperrt, aber vom betreten wird abgeraten. Und man schließt eben die Hütten um Wanderer abzuhalten. Ich überlege lange, was ich tun soll. Schließlich entscheide ich mich: Ich trage meinen Teil zum Schutz der Rentiere bei und werde das Fjell nur queren. Also geht es zwei lange Tage durch den Wald, sehr langsam gewinne ich Höhe. Am am dritten Tag erreiche ich endlich das Ende der Waldstraßen. Den Einstieg zum Wanderweg finde ich nicht sofort. Ein freundlicher Norweger, der gerade seinen brandneuen Pistenbulli im Schotter ausprobiert, hilft mir und weißt mir den Weg zur Øvre Fjellstul. Durch Bergwald und Moor geht es weiter. Die Waldgrenze werde ich nicht erreichen und werde so keine großen Ausblicke genießen können. Aber immerhin komme ich zu der Hütte, in der ich damals übernachtet habe. Es sind schöne Erinnerungen, durchs Fenster schaue ich hinein. Weiter geht es im Regen durch Moor und Heidekraut, zwischen Birken und Tannen. Der Blick öffnet sich und ich finde mich mitten im Hüttengelände wieder. Bis weit oben ist alles mit Ferienhütten bebaut. Nichts gegen Ferienhütten. Sie sind oft sehr gemütlich, ich kann Norweger gut verstehen, dass es schön ist, eine zu besitzen. Ich will selber. Habe ja auch schon Urlaub in solchen Hütten verbracht. Besonders im Winter. Wenn rundum Langlaufloipen gespurt sind, ist es eine schöne Sache. Dennoch werde ich das Gefühl nicht los: Für die Rentiere ist dies tatsächlich nicht die ideale Gegend. Im im futterarmen Winter sind sie hier garantiert nicht ungestört. Die Kalbungszeit fällt in die Osterzeit - da sind alle Norweger in der Hütte im Gebirge zum Skilaufen. Ich werde das Gefühl nicht los, hier wird Rentierschutz mit sehr ungleich langen Wanderstäben betrieben. Hinter dem Bau von Ferienhütten stecken ganz andere finanzielle Interessen als hinter ein paar Wanderern, die die Hütten des DNT nutzen. Mit zwiespältigen Gedanken steige ich ins Tal ab, während der Regen mich immer mehr durchnässt.
von Lars Langhorst 5. Juni 2026
In Seljord komme ich an einem schönen historischen Hotel vorbei - oder genauer gesagt komme ich daran nicht vorbei, sondern beschließe, mir eine Nacht dort zu leisten. Was für ein Unterschied! So oder so kann Abendessen also aussehen.